IB: So anders kann Matura sein

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Die Schüler des Campus Wien Wests schließen mit dem International Baccalaureat (IB) ab. Wie unterscheidet es sich von unserer Reifeprüfung?

10.06.2016, 06:00

Österreichs Maturanten haben ihre Ergebnisse schon, aber die Achtklässler des Montessori-Campus Wien West müssen noch bis 5. Juli zittern: Sie legen das International Baccalaureat (IB) ab und dabei werden alle Arbeiten zentral korrigiert und gleichzeitig bewertet. Das weltweite Zertifikat passe besser zu ihrer Art des Unterrichts, erklärt Vorstandsfrau Dina Margules anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Campus und der allerersten Abschluss-Klasse. "Uns ist wichtig, dass die Schüler zu selbstständigen, analytischen und reflektierenden Menschen werden. Bei der Matura hingegen geht es mehr um die kognitive Wiedergabe von Gelerntem", erklärt Margules. Der Abschluss – von einer Schweizer Stiftung koordiniert und in viertausend Schulen auf der Welt angewendet, elf davon in Österreich – ist hier durch eine Verordnung des Unterrichtsministeriums einer Matura gleichgestellt. Zu den wichtigsten Unterschieden zählen abgeschlossene Wahlmodule statt Jahresfächer, ausgesucht aus fünf Wahlfachkörben, ein Praxisprojekt und die Beschränkung des Stundenplanes auf die Prüfungsfächer – sowie die Arbeitssprache Englisch.

Anderer Alltag

Bei der Verabschiedung der Abschlussklasse bedankten sich die Schüler bei ihrer Schule und den Lehrern. Helene ist "froh, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffen konnte. Die Schule hat mir ermöglichst, eine eigene Bio-Gruppe zu gründen". Leo erinnert sich vor allem an schöne Zeiten in der Schule, "nur im IB-Jahr hatte ich Stress – weil ich mir zu lang Zeit gelassen haben".

Der Alltag im Montessori-Programm mit rund 35 Schülern unterscheidet sich von einer anderen 7. und 8. AHS. "So wie in unserer ganzen Schule werden die Schüler in Mehrstufenklassen mit drei Jahrgängen unterrichtet. Wir haben in jedem Fach zumindest Doppelstunden, weil 50 Minuten zu kurz sind, vor allem wenn man noch Vorbereitungen hat. Außerdem unterrichten wir manche Themen in geblockten Modulen, nicht als wöchentliche Unterrichtsstunde das ganze Jahr durch", erklärt Margules. Beim IB werden die sechs Fächer in Gesamtstunden gerechnet, ein Standard-Kurs hat 150 Stunden, ein High-Level-Kurs hat 240 Stunden. "Weil wir eine kleine Schule sind, bieten wir aus jedem Fächerkorb nur ein oder zwei Fächer an, aus dem Bereich Wissenschaft haben wir Biologie – auch weil das eines der Fächer ist, das auf Deutsch verfügbar ist."

Was wäre, wenn ein Schüler Chemie studieren möchte? "Dieses Fach hätte er dann nur bis zur 10. Schulstufe, danach unterrichten wir nach dem IB-Curriculum. Aber ein Schüler weiß meist vorher, dass er sich dafür interessiert. Dann könnte er mit genügend Vorlaufzeit das Fach als Selbstlernkurs belegen, für den er von uns einen Coach bekommt", sagt Margules. Mathematik wird auf Standard-Niveau unterrichtet, "ab nächstem Jahr bieten wir auch eine anspruchsvollere Stufe". Das bringt dann mehr Punkte bei der Abschlussprüfung.

Praxis sammeln

In der Montessori-Pädagogik geht es darum, die Jugendlichen in ihrem eigenen Tempo üben zu lassen. "Manche lernen mit den älteren Schülern mit, andere wiederholen ein Modul, bis sie es besser können." Das Programm hat seinen Preis: Rund 7500 Euro kostet das Schuljahr, "nur ein Drittel des Schulgeldes in den internationalen Schulen, in denen das IB angeboten wird", schätzt Margules.

Als Vorteil des IB-Programms sieht sie die flexiblere Zeitgestaltung im Gegensatz zur österreichischen Stundentafel, denn Persönlichkeitsentwicklung hat im Montessori-Curriculum eine große Bedeutung. Das IB-Programm wird um ein Auslandspraktikum ergänzt, Kunst kann ohnehin als eines der sechs Fächer gewählt werden. "Jeder IB-Schüler absolviert 150 Stunden als CAS-Projekt – Creativity, Activity, Service. Dabei sucht er sich eine Aufgabe und schreibt darüber eine Reflexion", erklärt Margules.

Clara setzte ein Herzensprojekt um: Aus der Kocherfahrung in der Schule – die Schüler bereiten täglich gemeinsam das Mittagessen zu – entwickelte sie ihren Koch-Blog. Felicia erarbeitete mit Kindern ein selbst geschriebenes Musical. Es sei eine prägende Zeit, sagte die Lehrerin auf der Bühne zu ihrem Schüler: "Im vergangenen Jahr hast du dich komplett verändert: Du bist strukturiert, pünktlich und fast ehrgeizig geworden."

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