"Klimawandel und Digitalisierung werden unsere Gesellschaften umpflügen"

Bruegels „Jäger im Schnee“
Foto: APA/Ditz Fejer,Kunsthistorisches Museum mit MVK und ÖTM

Historiker Philipp Blom beschreibt, wie sich Gesellschaften ändern, wenn sich das Klima wandelt.

18.02.2017, 06:00

Etwas Bedrohliches war im Gange. Darüber waren sich viele einig. 1569 war die Lagune von Venedig noch im März zugefroren. Drei Jahre später bedeckte dickes Eis den Bodensee bis ins Frühjahr hinein. Heute wissen wir: Zwischen 1570 und 1685 gab es einen Temperaturrückgang um zwei Grad, die Strömungen der Ozeane wurden umgewälzt, wochenlanger Regen oder Jahre der Dürre brachten Hungersnöte. Bis heute ist die Kleine Eiszeit aber vor allem durch Pieter Bruegels Winterlandschaften im kollektiven Gedächtnis.

Jetzt hat sich der renommierte Historiker Philipp Blom des historischen Klimawandels angenommen: In "Die Welt aus den Angeln" (erscheint am Montag) analysiert er, wie sich ändernde Umweltbedingungen erst Europas Gesellschaftsstruktur zerstörten, um schließlich beim Entstehen der modernen Welt Pate zu stehen. Und er erklärt, was das alles mit dem Klima der Gegenwart zu tun hat.

KURIER: Der Historiker Blom und der Klimawandel – das klingt so, als würde das nicht so recht zusammenpassen. Warum dieses Buch?

Interview mit dem deutschen Historiker Philipp Blo… Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Philipp Blom: Wie so oft – weil man etwas nicht versteht. Es ist unglaublich, wie sehr sich die europäischen Gesellschaften zwischen 1600 und 1700 innerhalb von drei Generationen verändert haben. Was mich frappierte, war, dass diese Veränderung mit der Kleinen Eiszeit zusammengefallen ist. Das legt nahe, dass es da einen Zusammenhang gibt. Eigentlich ist es ein Naturgesetz: Wenn sich unsere Umweltbedingungen ändern, müssen auch wir uns ändern. Und jetzt sind wir wieder in einer Zeit, die auf einen großen Klimawandel zugeht, und wir fragen uns, was sich ändern wird. Daher war es mir so wichtig, dieses Buch als Fallstudie zu schreiben: Damals hat sich alles verändert, von der Landwirtschaft über die Wirtschaft bis hin zur politischen Ordnung, Kultur und Philosophie.

Wenn man Ihr Buch liest, stellt man fest, dass der Klimawandel in Gestalt der Kleinen Eiszeit anscheinend für vieles ursächlich war, was Europa in den vergangenen 400 Jahren geprägt hat. Erklären Sie uns die Kaskade von Schlechtwetter – Missernten – Hexenverfolgung – Aufklärung ...

Beginnend mit 1570 wird es in Europa kälter, und kein Klimawissenschaftler weiß so recht, warum. Das führte zuerst zu einer brutalen Krise in der Landwirtschaft. Es gab viel mehr Missernten, Hungersnöte, Aufstände. Der Brotpreis stieg, die Inflation galoppierte. Ein System, das lange gut funktioniert hatte, tat es jetzt nicht mehr. Die Notsituation wurde erkannt: Die Menschen schrieben in Predigten, Briefen oder Gedichten darüber. Ganz Europa lebte damals vom Getreide. Der Adel hatte sein Einkommen aus der Getreide-Steuer. Wenn der Landbau nicht mehr funktioniert, funktioniert gar nichts mehr. So entstand eine Krise der europäischen Gesellschaft.

Und die Reaktion darauf?

Wenn es eine schlechte Ernte gab, bedeutete das: Der Herr ist nicht zufrieden mit uns. Wir müssen Bußprozessionen machen oder Hexen verbrennen.

Erkannten die Menschen, dass das nicht funktionierte?

Ja, im Laufe des 17. Jahrhunderts – und da wird es interessant – wandelte sich die Antwort. Die Menschen begannen, die Lösungen in der Natur zu suchen. Erstmals machten Gelehrte Experimente. Sie probierten verschiedene Anbaumethoden aus, gaben die Ergebnisse in Druck. Die Bücher wurden europaweit publiziert, von den Verwaltern der Landgüter aufgegriffen, die so die Landwirtschaft effizienter machten. Das war ein Modernisierungsschub durch Wissen und nicht durch generationenlanges Ausprobieren. Die Krise der Landwirtschaft wurde durch Bücher gelöst.

Aus der Not heraus gab es um 1600 also eine Bildungsrevolution?

Auf einmal werden zwei Dinge wichtig: Eine neue Art von Menschen – die lesen und schreiben können, in Städten wohnen und durch Bücher sowie Debatten Dinge anders lösen können. Und ein öffentlicher Raum, in dem das passiert. Im Mittelalter gab es Mönche, die miteinander diskutierten und lesen konnten, aber das war eine sehr kleine Gruppe. Doch jetzt sind Bücher und Flugblätter da. Dadurch verbreiteten sich philosophische Idee. Etwa die Idee der Gleichheit, die enorme politische Sprengkraft hatte. Das hat geholfen, Europa zu transformieren. Zusammen mit einer Wirtschaftstheorie, die im 17. Jahrhundert aufkommt und bis heute sehr wichtig ist: der Merkantilismus. Damals wurde das Wirtschaftswachstum, das auf Ausbeutung beruht, begründet.

Sie sagen, dass an der Wiege unserer modernen Welt ein Klimawandel stand. Wie es jetzt ausschaut, steht auch am Totenbett der Klimawandel.

Ich glaube, dass es durchaus möglich ist, dass sich hier eine historische Klammer schließt. Derzeit passiert uns gerade dasselbe wie im 17. Jahrhundert – dass nämlich Technologie den sozialen Wandel treibt. Damals war es der Buchdruck, heute sind es Soziale Netzwerke. Ohne öffentlichen Raum kann eine Demokratie nicht bestehen. Wenn wir diese Demokratie jetzt in Sozialen Netzwerken wieder in kleine Echokammern zersplittern, in denen man keinen Widerspruch mehr findet, dann ist der öffentliche Raum zerstört.

Und die Demokratie?

Der Wandel wird nicht spurlos an uns und unserer Gesellschaft vorübergehen. Das Modell, das das 17. Jahrhundert gefunden hat – ökonomisches Wachstum, das auf Ausbeutung beruht –, ist jetzt unsere größte Bedrohung.

Klimawandel als Kondensationspunkt für Veränderung?

Richtig, er ist aber auch ein Auslöser, weil er es noch schneller unmöglich macht, dass wir unsere gefräßige Lebensweise beibehalten. Und weil man am Beispiel Kleine Eiszeit sieht, dass es nur ein bisschen kälter werden musste und sich plötzlich politische Machtstrukturen änderten. Wenn man das auf heute umlegt und global betrachtet: Es verändern sich Handelsrouten, es verändern sich Anbaugebiete. Eine gesamte geostrategische Ordnung kommt durcheinander.

Von welchen Zeithorizont reden wir?

Ich bin Historiker, kein Prophet. Ich kann nur beschreiben, welche Kräfte in einer Zeit wirken. Für das 17. Jahrhundert kann ich das ziemlich gut zeigen. Für das 21. kann ich zumindest diese Kräfte identifizieren. Richtig ist, dass diese beiden Vektoren – Klimawandel und Digitalisierung – unsere Gesellschaften umpflügen werden, ob wir das wollen oder nicht. Jetzt haben wir noch die Möglichkeit, diese Transformation intelligent und solidarisch zu gestalten. Wir haben die historische Chance, neue Gesellschaften zu erfinden. Vielleicht haben wir noch zehn, zwanzig Jahre. Nicht länger.

verlag hanser buchcover blom… Foto: /Verlag hanser Erscheint am Montag:
Philipp Blom. „Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700“. Hanser. 24,70 Euro.


Zur Person

Bestsellerautor Philipp Blom

In "Der taumelnde Kontinent. Europa 1900–1914" beschreibt Philipp Blom die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als eine voller radikaler Veränderungen und großer Umbrüche – und wurde damit weltweit bekannt. Blom, geboren 1970 in Hamburg, studierte in Wien und Oxford, wo er auch promovierte, Geschichte. Nach Aufenthalten in Großbritannien und Paris lebt Blom seit 2006 mit seiner Frau in Wien. Seine Bücher beschäftigen sich vor allem mit dem Denken der Aufklärung und mit der europäischen Geschichte an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

 

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )
Antworten folgen
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    © 2017 kurier.at Hosted & Connected by