Wie Amazon neue Kunden einkocht

Mit Whole-Foods kauft sich Amazon Wissen und Zugang zu kaufkräftigem Klientel
Foto: AP/Elise Amendola

Online-Händler holt sich Know-how ins Haus und bringt Lebensmittelhandel unter Druck.

08.07.2017, 06:00

Der Online-Riese Amazon setzt seinen Fuß in den Bio-Markt. Umgerechnet 12,3 Milliarden Euro blättert Amazon, wie berichtet, für die Übernahme der Bio-Lebensmittelkette Whole Foods hin, es ist die größte Akquisition in der Firmengeschichte. Damit kauft sich der Versandhändler nicht nur 430 Standorte mit einem Gesamtumsatz von zuletzt knapp 16 Milliarden Dollar.

Was stationäre Händler in Angst und Schrecken versetzt: Amazon eignet sich damit im Schnellverfahren jenes Know-how an, das sich stolze Handelshäuser über Jahrzehnte aufgebaut haben. Nicht nur im Einkauf und Vertrieb von schnell verderblichen Lebensmitteln.

"Amazon holt sich damit auch die Eigenmarken von Whole Foods und damit Glaubwürdigkeit in dem für ihn noch relativ neuen Lebensmittelhandel", analysiert Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands. "Dazu kommt das Ladennetz, mit dem ein Click&Collect-System ausgerollt werden kann." Was Amazon außerdem interessiert, ist die Klientel von Whole Foods, die als besonders kaufkräftig gilt.

Aktionäre von Handelshäusern wie Walmart, Costco, Tesco oder auch der deutschen Metro hat das alles zunächst einmal einen Schrecken eingejagt. Die Aktien der Konzerne gaben nach Bekanntgabe des Deals nach. Die Papiere von Whole Foods, einem Konzern, der zuletzt mehr als drei Milliarden Dollar Verlust geschrieben hat, zogen dagegen im Sog der Übernahmemeldungen an.

Amazon ist bekannt dafür, langfristig und nicht in Quartalsgewinnen zu denken. Wenn es um den Aufbau neuer Plattformen geht, nimmt der Konzern richtig Geld in die Hand – auch für Zukäufe. "So gesehen sind Übernahmen in anderen Ländern der nächste logische Schritt", meint Will.

Testbetrieb in Berlin

In Deutschland ist Amazon Fresh gerade in Berlin und Potsdam gestartet. Die Manager haben ambitionierte Umsatzziele. Heuer sollen es elf Millionen werden, bis 2020 90 Millionen Euro im Jahr. Klingt viel, ist es nicht. Zumindest nicht gemessen an einem Branchenumsatz von 176 Milliarden Euro im deutschen Lebensmittelhandel.

Branchenexperten wie Rewe-International-Chef Frank Hensel beobachten die Entwicklung mit Argus-Augen und rüsten ihre eigenen Webshops vorsorglich auf. Billa hat Anfang Juni in Inzersdorf auf 7300 Quadratmetern offiziell ein neues Lager eröffnet, das ausschließlich dem Onlineversand von Lebensmitteln dient – und viel Geld verbrennt. Hensel, zu dessen Konzern die Vertriebsschienen Billa, Merkur, Bipa und Adeg gehören, macht erst gar kein Geheimnis daraus, dass sein Konzern online "nur Peanuts" umsetzt und weit von der Gewinnzone entfernt ist.

Auch Erzrivale Spar rechnet auf absehbarer Zeit mit keinen Gewinnen. Dennoch: Das Feld kampflos neuen Konkurrenten wie Amazon Fresh zu überlassen ist für beide keine Option.

Zumindest meint Rainer Will, dass die Investitionen heimischer Unternehmen ins Web-Geschäft nicht nur verbranntes Geld sind. Sie hätten eine Art Gate-Keeper-Funktion: "Jedes neue Online-Warenlager macht neuen Konkurrenten den Markteintritt eine Spur schwerer."

Die Konzentration im Onlinehandel nimmt jedenfalls zu. Die größten zehn Online-Shops in Österreich setzen zusammen genommen zuletzt 1,2 Milliarden Euro im Jahr um – die Hälfte des Betrages entfällt auf Branchenprimus Amazon – Tendenz weiter steigend.


Whole Foods

Lokalaugenschein

Sushi und frisch gezapftes Bier für Zuhause

Frische Fische in allen Größen liegen auf Eis, daneben Muscheln, Langusten und Krabben.  Die Auswahl gleicht einer mittleren Nordsee-Filiale und reiht sich nahtlos an die Fleischabteilung. Zu dieser gehört die Schaufleischerei, in der zwei  Mitarbeiter in blütenweißen Mänteln Steaks schneiden. Hinter ihnen baumeln Schweinehälften von der Decke. Ein Anblick, der einen kleinen Jungen im Buggy mehr fasziniert als die Bier-Zapfsäulen, die sein Vater ansteuert.  Im Whole Foods Markt kann man sich auch Bier selber zapfen – und  in  schmucken 2-Liter-Flaschen mitnehmen. Dazu vielleicht eine Schachtel frisches Sushi oder ganze Menüs vom warmen oder kalten Buffet.

Im Markt im New Yorker Stadtteil Brooklyn  tummeln sich viele kaufkräftige Kunden, die für Service und Qualität zu zahlen bereit sind. Die Käse-Abteilung rühmt sich damit, mehr als 100 lokale Spezialitäten im Angebot zu haben, die aus einem Umkreis von weniger als 10 Meilen kommen. An den Wänden sind diverse Tierwohlplakate plakatiert. In den Kühltheken türmen sich meterbreit und mannshoch Milchprodukte, die ohne Milch auskommen, also vegan sind.

Wer bei der Auswahl eine Pause braucht, macht bei der Kaffeetheke halt. Dort gibt es auch „Nitro Coffee“, also kalten Kaffee, der mit Nitrogen angereichert ist. Ist  weniger sauer. „Denk an Guinness, nur ohne Alkohol“, steht am Schild. Der Vater mit dem Buggy ist schon überredet.

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