Skandal um Fleisch geht um die halbe Welt

Brasiliens Präsident Michel Temer isst nun demonstrativ Steak
Foto: REUTERS/UESLEI MARCELINO

Konzerne sollen Gammelfleisch verkauft haben. Österreich kauft Steaks in Brasilien ein.

20.03.2017, 18:00

Brasiliens Fleischindustrie brummt. Der weltweit größte Rindfleischexporteur liefert jedes Jahr Fleisch im Wert von insgesamt 13 Milliarden Euro in 160 Länder. Jetzt wird eine der wenigen, funktionierenden Wirtschaftssektoren des Landes von einem Gammelfleischskandal eingeholt. Betriebe sollen verdorbenes unter haltbares Fleisch gemischt haben – etwa bei Bratwürsten. Zudem sollen Schweineköpfe verwurstet worden sein. Am Wochenende wurden in Brasilien 20 Leute rund um die Causa festgenommen. Ob das Gammelfleisch auch in den Export gegangen ist, ist noch offen. Die EU, USA und China pochen auf Aufklärung.

Österreich hat 2016 um 17 Millionen Euro Fleisch in Brasilien gekauft. "Zwölf Millionen davon entfallen auf Rindfleisch", rechnet Josef Domschitz vom Fachverband der Lebenmittelindustrie vor. Größtenteils handle es sich um Steaks für Restaurants und Großküchen. Domschitz: "Gammelfleisch kann nicht dabei gewesen sein." Auch nicht beim Hühnerfleisch, das Österreich im Wert von mehr als vier Millionen Euro aus Brasilien kauft. Es geht hauptsächlich um Hühnerbrust, die zum Beispiel als steirischer Backhendlsalat in den Speisekarten steht. Domschitz: "Damit muss die österreichische Landwirtschaft leben, wir produzieren selbst zu wenig."

Ernst Stocker, Geschäftsführer von Wiesbauer Gourmet Gastro, glaubt, dass der Skandal aufgebauscht wird: "Laut den Angaben unseres Importeurs sind ein Schlachthof und zwei Wurstbetriebe vom Skandal betroffen – und alle drei haben keine Zulassung für den Export in die Europäische Union."

Schweinefleisch kommt übrigens keines aus Brasilien nach Österreich. "Weil es keine Schweinfleischabkommen mit der EU gibt", erklärt Johann Schlederer, Chef der österreichischen Schweinebörse. Brasilien würde seit dem Importstopp Moskaus für Fleisch aus der EU verstärkt Schweinefleisch nach Russland liefern. Vielleicht würden die Russen nun die hohen Sicherheitsstandards in der EU wieder zu schätzen wissen, hofft Schlederer.

Kontrollen

Er kennt viele Betriebe in Brasilien – vom Kleinstbetrieb bis zum größten Fleischproduzenten der Welt, JBS, der auch vom Skandal betroffen ist. Erst im Vorjahr habe er ein JBS-Werk, "in dem wöchentlich 100.000 Schweine geschlachtet werden", besucht. Es sei technisch am neuestem Stand, "aber letztlich hängt es immer am Menschen, wie er mit dem Fleisch umgeht". Also ob er bei Hygiene, Verpackung, Lagerung oder Etikettierung trickst. Die Kontrolle entlang der Wertschöpfungskette sei aufwendig und funktioniere nicht überall so lückenlos wie in Österreich. Der aktuelle Skandal wundere ihn gar nicht.

Österreich importiert jährlich Fleisch im Wert von 929 Millionen Euro, mehr als die Hälfte davon aus Deutschland und Holland. Branchenkenner schließen nicht aus, dass darunter auch Ware aus Brasilien ist, die in Europa verarbeitet wurde. Gerade bei Fertigprodukten sei die Herkunft einzelner Zutaten kaum nachvollziehbar.


Kennzeichnung

Strengere Vorschriften und härtere Strafen

Wer mit Lebensmitteln panscht, muss in der EU  bald mit härteren Strafen rechnen. Diese sollen ab Ende 2019 von der Höhe des Firmenumsatzes abhängen. Alternativ könnten sie den wirtschaftlichen Vorteil widerspiegeln, den sich Firmen ergaunert haben. Die Mitgliedsstaaten wurden zudem verpflichtet, Whistleblower besser zu schützen.

Hintergrund der Reform ist auch der Pferdefleischskandal von Anfang 2013, bei dem billiges Pferdefleisch als teures Rindfleisch ausgegeben wurde. Seitdem wurden die Vorschriften verschärft. Seit April 2014 gilt beispielsweise bei Frischfleisch eine Herkunftskennzeichnung.

Bei verarbeiteter Ware   – wie Pizza, Lasagne oder Wurst – bleibt diese aber auch weiterhin tabu, erklärt Ulrich Herzog vom Gesundheitsministerium. Die Europäische Kommission kam in ihrer Wirtschaftlichkeitsrechnung zu dem Schluss, dass die lückenlose Nachverfolgung der Fleischzutaten bei solchen Produkten schlicht zu aufwendig und  teuer wäre.

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