Über die Krise hinauswachsen

Haas' "Lieblingsgeschichte" ist die von Jesse Billauer. Der querschnittsgelähmte Surfer reitet wieder die Wellen.
Foto: /Facebook

Michaela Haas über Schicksale und die Chance des posttraumatischen Wachstums.

10.09.2015, 12:59

Danach kann es besser gehen. Anders als gedacht, aber besser. Aus einer großen Krise, aus Schicksalsschlägen kommen manche Menschen gestärkt hervor, schöpfen daraus neuen Mut und neuen Lebenssinn.

Michaela Haas eröffnet mit den Forschungen zum posttraumatischen Wachstum eine revolutionäre und überraschende Sicht auf das Thema Trauma und Krise. Mit zwölf eindrucksvollen Porträts und Experteninterviews nähert sich die Journalistin und Buchautorin dem Phänomen Resilienz auf eine neue Art. Es sind Kurzbiografien von Menschen, die von Schicksalsschlägen gezeichnet sind.

KURIER: Stark nach einer Lebenskrise – wer schafft das?

Michaela Haas: Diese Recherche hat für mich alles auf den Kopf gestellt. Es ist nicht nur Einzelfälle, es ist sogar die Mehrheit, die Krisen ganz gut überstehen. Die paradoxe Aussage der Betroffenen lautet meist: Ich würde mir wünschen, mir wäre das nicht passiert, aber durch den Schicksalsschlag bin ich zu einem besseren Menschen geworden. Die Wissenschaft zeigt, dass bis zu 90 Prozent der Menschen das so positiv erleben.

Waren die Geschichten leicht zu finden. Wollten die Menschen über ihr Schicksal reden?

Ich habe zwei, drei Jahre lang recherchiert, auf der ganzen Welt. Ich dachte anfangs, es wäre schwierig, habe dann aber ganz viele Menschen gefunden, die mir von ihren Schicksalsschlägen erzählen wollten. Diese Menschen gibt es überall. Mir war wichtig, dass diese Menschengeschichten nicht banal klingen. So nach: ui, da ist dem Surfer ein Unfall passiert, aber jetzt geht’s ihm besser. Ich wollte die ganze Geschichte hören, die tiefe Story. Das Problem im Alltag. Die meisten Leute wollen die gesamte Story eben nicht hören. Da geht die Empathie über Schulterklopfen und ein "Das wird schon wieder" nicht hinaus. Nelson Mandela hat gesagt: Manche Menschen werden durch Schwierigkeiten gebrochen, andere werden dadurch erst zu Menschen. Das war die Grundlage meiner Recherche.

Was hilft diesen Menschen während oder nach einer Krise? Was macht sie positiv?

Oft ist es der Gedanke: Was mich nicht umbringt, macht mich noch stärker. Viele entwickeln in einer Lebenskrise zudem neue, tiefe Beziehungen zu anderen Menschen. Auf eine Art, wie sie das vorher nicht kannten. Es eröffnen sich neue Lebensperspektiven, weil es ja eine völlige Korrektur des bisherigen Weges ist. Und oft gibt es eine neue Wertschätzung für das Leben – was vorher selbstverständlich war, ist jetzt wertvoll. Manche entwickeln in einer Krise auch eine intensivere Spiritualität.

Kann man sich eine Strategie zurechtlegen, um eine Krise gut zu überstehen?

Man muss sich die Krise eingestehen, muss sich damit auseinandersetzen. Außerdem braucht man Verstärkung, also mindestens einen Menschen, der für einen da ist. Niemand schafft das alleine. Die, die nicht um Hilfe bitten, leiden viel länger an der Krise. Oft sind es Gleichgesinnte, denen etwas ähnliches passiert ist, zu denen man eine Nähe aufbaut.

In der US-Armee gibt es ein eigenes Resilienztraining, um sich auf schlimme Ereignisse vorzubereiten.

Das stimmt. Jeden Morgen machen die Soldaten dieses Training. Da sitzen dann 170 Soldaten im Bootcamp frühmorgens zusammen und machen eine Achtsamkeitsmeditation, besinnen sich auf ihren Atem und auf das Hier und Jetzt. Das kann körperlichen und emotionalen Schmerz um 70 Prozent reduzieren.

Erleben Männer und Frauen Krisen unterschiedlich?

Ja. Frauen erleben insgesamt mehr Traumata, sie wachsen danach aber auch mehr.

Wieso haben Sie dieses Thema für Ihr Buch gewählt?

Zum einen habe ich als Journalistin immer wieder Menschen getroffen, die solche Geschichten durchlebt haben. Zum anderen: Ich bin mit einem Großvater aufgewachsen, der Kinderlähmung hatte. Er war halbseitig gelähmt. Als Kind war mir überhaupt nicht bewusst, dass er behindert ist, er ist der aktivste und sonnigste Mensch. Dann wurde ich Ende 20 selbst krank, war acht Monate lang im Bett. Ich dachte, ich bin stark, aber ich war überhaupt nicht resilient.

Ihre Lieblingsgeschichte?

Ist vielleicht die vom Surfer, weil er so jung war, als ihm sein Unfall passiert ist. Er wusste von Anfang an, surfen ist sein Leben. Und er surft jetzt wieder, obwohl er nicht schwimmen kann.


Zur Person

Journalistin und Buddhistin

Michaela Haas arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Journalistin für renommierte Medien wie die Süddeutsche Zeitung. Sie moderierte zahlreiche Kultur- und Interviewsendungen beim BR und in der ARD und hat eine eigene Coaching- und Consultingfirma, in der sie ihre Medienerfahrung weitergibt. Vor fast 20 Jahren wandte sie sich dem Buddhismus zu, promovierte in Asienwissenschaften und lehrte unter anderem an der University of California in Santa Barbara. Sie lebt in München und Malibu. Ihr neues Buch „Stark wie ein Phönix“ ist soeben im O.W. Bath Verlag erschienen; 23,70 Euro.

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