Mein Büro ist die Welt

Sebastian Kühn lebte vier Jahre in Schanghai, demnächst geht er nach Singapur
Foto: /Sebastian Kühn

Thailand, Bali, Schanghai: Wo Sebastian Kühn arbeitet, machen andere Urlaub. Er lebt vor, wie man zum digitalen Nomaden wird.

30.07.2016, 06:00

Arbeiten am Rande des Dschungels, in einer Metropole oder am Strand: Mit seiner Community-Plattform mywirelesslife.de propagiert der Deutsche Sebastian Kühn den Lebensstil des digitalen Nomaden: Er arbeitet per Laptop an den schönsten Orten der Welt und hilft anderen dabei, es ihm gleichzutun. Mit Workshops und eBooks verdient der 33-Jährige seinen Lebensunterhalt. Vier Jahre lebte er mit seiner Freundin in Schanghai und reiste durch Asien. Demnächst zieht er nach Singapur.

KURIER: Wie war der Moment, an dem Sie realisiert haben, dass Sie frei und weltweit arbeiten wollen?

Sebastian Kühn: Es war eher ein schleichender Prozess. Ich habe BWL studiert und nebenbei in Konzernen und Start-ups gearbeitet. Die ersten sechs Monate macht die Anstellung Spaß, dann kommen Routine und Langeweile. Mich hat als Angestellter gestört, dass man wenig mitbestimmen, wenig eigene Meinung einbringen kann, aber viel ausführen muss. Daher dachte ich, ich probiere die Selbstständigkeit. Das war ein großer Schritt.

Inwiefern?

Vor fünf Jahren verband ich mit Selbstständigkeit großes Risiko und Mitarbeiterverantwortung. Ich bin nach dem Studium nach Schanghai, war fünf Monate bei einem Weinhandel angestellt. Dann habe ich mich vor vier Jahren als Freelancer selbstständig gemacht: als Übersetzer und für Social Media Marketing. Ich stellte fest: Man kann mit wenig Risiko im Internet ausprobieren, was einem liegt und ob man Geld verdienen kann.

Und, kann man davon leben?

Ich habe anfangs wenig verdient, Aufträge von Bekannten bekommen. Dann habe ich begonnen, für kleinere Firmen Webseiten zu bauen. Ich habe mich auf Freelancer-Plattformen angemeldet, dort Kontakte geknüpft und Referenzen gesammelt. Die Folgeaufträge brachten mehr Geld.

Warum haben Sie ein eigenes Business gestartet?

Vom Freelancen konnte ich zwar gerade so leben, aber nicht reisen. Ich habe dann eine Übersetzungsagentur gegründet und die Arbeit ausgelagert. Mein Ziel war von Anfang an, mich von Arbeitszeiten und Stundenlohn unabhängig zu machen. Nach einem Jahr hatte ich genug vom klassischen Kundengeschäft und habe Wireless Life aufgebaut. Das erste Jahr habe ich jede Woche 20 Stunden daran gearbeitet und nichts verdient.

Wie sieht Ihr Tagesablauf heute aus?

Seit dem Buch "Die 4-Stunden-Woche" von Tim Ferriss glauben viele, digitale Nomaden reisen viel und arbeiten wenig. Ich habe noch nie soviel gearbeitet wie jetzt: zwölf Stunden am Tag, sechs bis sieben am Tag auf Reisen, auch am Wochenende. Der Laptop ist immer dabei. Man muss sich ständig Gedanken über Geld machen. Mir geht es aber heute finanziell so gut, dass ich andere digitale Nomaden anstellen kann.

Ist das Nomadentum nicht eher was für Online-Marketingleute und Social-Media-Experten?

Es gibt den Spruch: nur die verdienen Geld, die anderen zeigen, wie es geht. Doch jeder, der einen Beruf erlernt oder studiert hat, kann im Internet seine Dienstleistung anbieten – direkt oder digital. Ich kenne einen Arzt, der online Proteinshakes vertreibt. Für Leute ohne Kenntnisse sind Recherche-Aufgaben ein guter Einstieg.

Viele User bringen Geld: Wie kommt man zu ihnen?

Über persönliche Kontakte, auf Events und Konferenzen oder online über Facebook-Gruppen und Foren findet man Kunden. Wenn man seinen Blog oder sein Buch promoten möchte, dann über Social Media: man muss konstant Mehrwert bieten über gute Beiträge und YouTube-Videos.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Singapur. Wir sehnen uns nach etwas westlicher Welt, Schanghai ist uns inzwischen zu chaotisch und dreckig. Ich möchte die Community von Wireless Life vergrößern und weitere Zusammentreffen für digitale Nomaden veranstalten.

Können Sie sich einen Angestelltenjob vorstellen?

Im Moment nicht. Ich muss nichts mit einem Vorstand besprechen und schätze es, unabhängig von Zeit und Ort zu arbeiten. Aber: Ich will nicht ausschließen, in einem Start-up angestellt zu sein.

(kurier)

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