Wie Musik das Gehirn beeinflusst

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Musik beeinflusst nicht nur Heilungsprozesse, sie wirkt sich auch darauf aus, wie wir Berührungen wahrnehmen.

13.09.2017, 06:00

Anatomisch gesehen konnten schon Neandertaler singen und musizieren – ob sie es wirklich taten, wird die Forschung wohl nie herausfinden. Die ältesten Instrumente, die je gefunden wurden, sind rund 43.000 Jahre alt und bestehen aus Schwanen- und Geierknochen. Vor rund 12.000 Jahren nutzte man Stalaktiten als Gongs und die Höhle rundherum als Echoraum. Das Gefühl für Rhythmen und Melodien gehört somit zu den ursprünglichsten Fähigkeiten, die Menschen entwickelt haben – und doch sind die Effekte von Musik und ihr Einfluss auf unseren Körper vergleichsweise wenig erforscht.

Hilfreich nach Schlaganfall

Wir wissen schon länger, dass etwa Weihnachtsmusik in Einkaufszentren nicht nur die Stimmung beeinflusst, sondern vor allem die Kauflust steigern soll. Forscher erkennen nun auch immer mehr den Einfluss von Musik auf Heilungsprozesse. Das zeigte sich etwa bei Schweden, deren Schlaganfall bis zu fünf Jahre zurück lag: Bei der Rhythmus- und Musiktherapie hörten die Patienten Musik, während sie selbst rhythmische Bewegungen mit den Händen und Füßen ausführten – das steigerte ihr Balancegefühl, ihre Greifkraft und auch ihre Erinnerungsleistung, berichten australische und schwedische Forscher im Fachjournal Stroke der American Heart Association.

Musizieren wirkt sich anders aus als Musik hören

Unterdessen haben sich kanadische Forscher damit befasst, wie das Spielen von Musikinstrumenten die Hirnfunktion verbessert: "Das ist die erste Studie, die zeigt, dass das Gehirn beim Erlernen der Feinmotorik zum Musizieren Töne anders wahrnimmt als beim reinen Zuhören von Musik", erklärt Bernhard Ross vom Baycrest’s Rotman Research Institute. Er fand heraus, dass sich die Hirnaktivitäten stark ändern, wenn jemand selbst Musik macht. Allerdings hängt die musikalische Aktivität stark von den Eltern ab: Je weniger gebildet die Eltern sind und je niedriger ihr Einkommen ist, desto niedriger sind die Chancen eines Kindes, in einer Band zu spielen, im Chor zu singen oder ein Instrument zu beherrschen, zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung.

Sinnliche Musik macht Berührungen sinnlicher

Dabei beeinflusst Musik sogar, wie wir Berührungen wahrnehmen. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften fanden heraus: Je betörender wir die Musik empfinden, desto sinnlicher nehmen wir auch die Berührung war – selbst wenn wir wissen, dass wir von einem Roboter berührt werden.

Zu dieser Erkenntnis gelangten die Neurowissenschaftler mithilfe von inkognito-Berührungen. Dabei ließen sie Studienteilnehmer ihren Unterarm durch einen Vorhang strecken und dahinter mit einer genau kontrollierten Bewegung durch einen Pinsel-roboter streicheln. Gleichzeitig hörten die Teilnehmer verschiedene Musikstücke, die sie hinterher selbst auf einer Skala zwischen „überhaupt nicht sexy“ bis „extrem sexy“ eingeordnet hatten.

Das Interessante dabei: Selbst als die Probanden vor dem Experiment erfuhren, dass sie nicht von einem echten Menschen, sondern von einem Roboter gestreichelt werden, beeinflusste die Musik, wie sexy die Berührung wahrgenommen wurde. Dieser Roboter, ein automatisch gesteuerter Pinsel, sollte zum einen die Berührung in ihrer Länge und Intensität kontrollieren.

„Musik scheint unsere Wahrnehmung von mechanischen Berührungsreizen zu verändern. Bestimmte Merkmale der Musik scheinen sich also auf den Berührungsreiz zu übertragen“, erklärt Studienleiter Tom Fritz.

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