Scharner: "Der Prophet zählt in Österreich nicht"

Paul Scharner: Gefeiert in England, umstritten in Österreich.
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Der 34-jährige Ex-Teamspieler spricht über seine Karriere, das Nationalteam, seine Pläne für die Zukunft und die Heimat.

09.01.2015, 09:05

Paul Scharner beendete im August 2013 seine spektakuläre Karriere. Millionentransfers, 40 Länderspielen und dem FA-Cupsieg 2013 stehen exzentrische Alleingänge und Streitereien mit Trainern gegenüber. Heute lebt der vierfache Vater mit seiner Jugendliebe Marlene im Wienerwald. Dem KURIER gibt der 34-jährige Niederösterreicher das erste Zeitungsinterview seit dem Rücktritt.

KURIER: Durch das Karriereende hat sich Ihr Tagesablauf stark verändert. Ist Ihnen auch schon manchmal fad geworden?

Paul Scharner: Ich war früher 150 bis 180 Tage im Jahr unterwegs. Bei der Umstellung war schon ein Tal zu durchschreiten. Ich musste neu lernen, wie das mit der Familie ist.

Was genau haben Sie gelernt?

Dass wieder bessere Zeiten kommen werden (lacht). Im Ernst: Dass diese Umstellung nicht so einfach ist. Früher hatte meine Frau Marlene die volle Verantwortung für die Familie, sie hat alles geschaukelt. Ich war oft nicht mehr als ein Besucher. Sie hat dann schon gesagt: ‚Früher war’s alleine oft einfacher, als es jetzt mit dir zu Hause ist.‘

Sie waren für Ihren extremen Trainingsumfang bekannt. Was hat sich körperlich verändert?

Es war ein Genuss, dass ich nach 26 Jahren jetzt nicht immer trainieren gehen muss, um etwas weiterzukriegen. Ich habe ja trainingsfreie Tage als verlorene Tage betrachtet. Jetzt bleib’ ich bei schlechtem Wetter mal lieber in der warmen Stube sitzen, als laufen zu gehen.

Und trotzdem haben Sie offensichtlich nicht zugenommen ...

Ich habe zwischenzeitlich sogar bis zu neun Kilo abgenommen. Weil ich mit dem Muskeltraining aufgehört habe und mich vegetarisch – mittlerweile fast vegan – ernähre.

Gab es bei Ihnen die Angst vor einem Pensionsschock?

Ja. Was geholfen hat, war die Planung der Rückkehr nach Österreich und der Hausbau. Neben der Baustelle ist da nicht mehr viel Zeit für einen Pensionsschock geblieben. Ich hab’ aus meiner Familie die ‚Do it yourself‘-Mentalität mitbekommen. Wenn man sein eigenes Haus mitaufbaut, entsteht schon eine stärkere Bindung.

Paul Scharners Frisuren

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Sie haben zehn Jahre im Ausland gelebt. Welche Unterschiede bemerken Sie in Österreich?

Die Lebensqualität, der Lifestyle, die kulturellen Möglichkeiten – das ist in Deutschland und Österreich ein enorm positiver Unterschied zu England außerhalb Londons, wo ich mir ein dauerhaftes Leben nicht mehr vorstellen kann.

Beim FA-Cupfinale 2013 im Wembleystadion wurden Sie von vielen Freunden aus Norwegen besucht. Wo konnten Sie die meisten Freundschaften schließen?

In Hamburg, weil dort beruflich nichts weitergegangen ist. Da hab’ ich mehr Zeit für Freunde gehabt. (lacht)

Ihre vier Söhne sind in vier Ländern geboren – in Österreich, Norwegen, England, und zuletzt Deutschland. Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist für mich immer dort, wo die Familie ist. Ich bin jetzt noch nicht so verwurzelt, dass ich den Wienerwald nach einem halben Jahr als meine Heimat bezeichnen würde.

In Norwegen und England waren Sie beruflich glücklich, in Österreich und Deutschland gab es immer wieder Probleme – kann die gemeinsame Muttersprache auch trennen?

Das wäre zu weit hergeholt. Ich glaube, das liegt an der Mentalität. Es ist bei uns schon so, dass der Prophet im eigenen Land, also in Österreich, nicht zählt. Wenn ich da an Individualtraining, an Mentalcoaching und Ähnliches denke, bin ich im Fußball schon teilweise prophetisch aufgetreten.

Sie haben in den vergangenen Monaten mit Verantwortlichen von der Austria, der Admira und SKN St. Pölten Gespräche geführt. Können Sie sagen, welche berufliche Laufbahn Sie einschlagen wollen?

Nein, das wäre zu früh. Ich führe laufend Hintergrundgespräche, um Möglichkeiten zu prüfen. Ich muss ehrlich gesagt auch mich selbst noch besser kennenlernen, um dann die genaue Richtung festlegen zu können. Was ich sagen kann, ist, dass ich meine Erfahrungen meiner Auslandskarriere vermitteln will und dass mich das Thema Ausbildung und Bewegung der Jugend interessiert.

Sie haben bis zu Ihrem Karriereende viel verdient. Sehen Sie es als schönsten Nebeneffekt, dass Sie daher völlig unabhängig sind?

Natürlich ist das schön, dafür bin ich dankbar. Ich möchte aber schon betonen, dass der Fußball meine Leidenschaft war und das Geld nie mein oberster Antrieb ist – sonst bist du schon Zweiter. Mein Leitspruch war immer: Wenn du möglichst professionell arbeitest und höchsten Einsatz zeigst, kommt das Materielle von selbst nach. Das hat sich bewahrheitet.

Sie hatten viele Trainer. War die Zusammenarbeit mit Roberto Martinez bei Wigan die fruchtbarste?

Mit Martinez gab es zwar den FA-Cupsieg, extrem wichtig war für mich aber die Zeit mit Mons Ivar Mjelde in Norwegen. Und prägend war auch die Austria-Zeit mit Christoph Daum.

Martinez wollte Sie nach dem Cupsieg mit zu Everton nehmen. Tut es weh, dass Sie abgesagt haben, um sich in Hamburg zu beweisen, dort aber keine Chance mehr bekommen haben?

Ich wollte es auch beim HSV unbedingt schaffen, deshalb habe ich Everton gleich abgesagt. Das hatte mit meinem Ehrgeiz zu tun. Es hätte auch danach noch einige Angebote gegeben, aber ...

Aber?

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich aufhöre. Und wenn ich etwas entscheide, ziehe ich das bekanntlich ja auch durch. Es war die richtige. Nur zu einer Entscheidung bin ich nicht gestanden.

Sie meinen die Rückkehr ins Nationalteam 2008, nachdem Sie 2006 im KURIER Ihren Rücktritt aus dem Team verkündet hatten?

Ja, genau. Aber diese Ausnahme sollte eigentlich in meinem Buch verraten werden. (lacht) Das habe ich mit einem Hamburger Sportjournalisten geschrieben, es kommt im März raus.

Das Nationalteam und Sie – dieses Thema hat nie wirklich funktioniert. Wie geht es Ihnen jetzt, wenn Sie die Erfolge sehen? Packt Sie manchmal der Gedanke, dass Sie noch dabei sein könnten?

Noch dabei sein? Das klingt etwas vermessen. Es hat ja doch einen Generationenwechsel gegeben. Ich bin ein sehr interessierter Beobachter und ich freue mich einfach. Was man sieht, ist, wie wichtig für Österreich Legionäre sind. Sie werden Woche für Woche auf höherem Niveau gefordert und können das auch im Team umsetzen. Zu meiner Zeit hat es leider noch nicht so viele gestandene Legionäre gegeben.

Ihr engster Begleiter war über zehn Jahre lang Mentalcoach Hobel. Wie stehen Sie heute zueinander?

Wir telefonieren ab und zu, gesehen haben wir uns schon länger nicht. Ich freue mich darauf, wenn wir uns wieder gegenüberstehen. Er wird definitiv immer als Freund einen Platz in meinem Leben haben.

Wissen Sie schon alles, was für Sie im Sport wichtig ist?

Wenn ich dieser Überzeugung wäre, müsste ich aufhören zu leben. Ich sehe das ganz anders – man lernt bis zum letzten Tag nicht aus.

Was haben Sie aus Ihrer Karriere für Ihr Leben mitgenommen?

Dass Fußball nicht viel mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Aber man kann sehr viel für die eigene Entwicklung mitnehmen, wenn man mit offenen Augen durch die Karriere geht. Ich weiß jetzt auch, wie man ein Haus baut (lacht). Und ich bin bei meinem vierten Sohn zum ersten Mal tagtäglich in der Erziehung dabei. Das ist ein echtes Geschenk.

Paul Scharner, der erfolgreiche "Weirdo"

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Der Legionär

Im Ausland erfolgreich

Paul Scharner spielte ab 2004 für Bergen, mit 174 Partien als Rekordspieler bei Wigan, West Bromwich und HSV.


Der Teamspieler

Im Inland umstritten

Ab 2002 gab es in zehn Jahren 40 Spiele, aber auch Zerwürfnisse mit den Teamchefs Hickersberger, Constantini und 2012 Koller.

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