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Harald Martenstein: "Man muss Hornhaut kriegen"

Die ROMY
Foto: KURIER/Jürg Christandl

Der preisgekrönte Kolumnist hält bei der ROMY-Gala eine Laudatio auf Peter Simonischek.

16.04.2017, 06:00

KURIER: Sie beziehen in Ihren Kolumnen für "Zeit" und "Tagesspiegel" deutlich Position. Als Sie über Genderforschung u.a. schrieben, in ihrem Licht müsse "hinter die Existenz des Penis zumindest ein Fragezeichen gesetzt" werden, wurden Sie heftig kritisiert. Wie geht es Ihnen damit?

Harald Martenstein: Ich beklage mich überhaupt nicht, das ist eine ganz normale Folge dessen, dass man irgendetwas sagt. Dieser Job ist nicht möglich in der Öffentlichkeit, wie sie bei uns strukturiert ist, ohne dass es Aufregung und Widerstand gibt. Das ist völlig okay. Man kann dem nur entgehen, in dem man vollkommen ausgewogene, sterbenslange Sowohl-als-auch-Texte produziert.

Sie schreiben oft gegen Denkkonventionen an. Verstecken Leute sich hinter starren Meinungsgebilden?

Nein, ich will da keine pauschalen Vorwürfe raushauen. Ich glaub aber schon, dass Kontroversen und grundsätzliche Debatten gesellschaftlich notwendig sind. Wir haben ja in Deutschland auch eine große Koalition und im Parlament finden kaum Debatten statt, weil man sich über viele Dinge einig ist. Die Demokratie ist ein kostbares Gut und dieses Gut erweist sich im Streit. Darum bin ich dafür, sich miteinander auseinandersetzen, allerdings ohne sich gegenseitig zu beschimpfen und herabzusetzen. Ich schreib ja hin und wieder auch Dinge, in denen ich Leute angreife, aber ich versuche wirklich, nicht unter die Gürtellinie zu schlagen. Wenn ich mir etwas vornehme als Autor, habe ich schon im Kopf die Idee: Wenn du diesen Leuten irgendwann begegnest, muss man in der Lage sein, sich die Hand zu geben.

Funktioniert das in der Praxis?

Meistens schon. Was ich nicht akzeptieren kann, ist die Theorie: Über das, was mir heilig ist, dürfen auf gar keinen Fall Witze gemacht werden. Das ist inakzeptabel. Wenn ich auf so etwas stoße, dann kommt das bei mir als Aufforderung zur Desensibilisierung an. Als ich diesen – etwas naiven – Text über Genderforschung geschrieben habe, habe ich nicht damit gerechnet, dass es so eine Aufregung gibt, ich hatte mich vorher über tausend andere Sachen lustig gemacht. Und das war für mich ein Motiv, öfter über dieses Thema zu schreiben. Das mach ich so lange, bis sich keiner mehr aufregt. Diese Haltung hängt ein bisschen mit meiner Sozialisation zusammen, ich stamme aus dem Rheinland, aus Mainz, wo es den rheinischen Karneval gibt, und der besteht im Kern daraus, dass bei diesen Versammlungen in den ersten beiden Reihen die örtlichen Honoratioren sitzen und zu geschmacklosen Witzen auf ihre Kosten gute Miene machen müssen. Die Aussage, über uns dürfen keine Witze gemacht werden, ist mir völlig fremd. Über mich dürfen auch Witze gemacht werden – natürlich. Höre ich nicht gerne, muss ich aber aushalten.

Wie geht es Ihnen da mit dem Themenkomplex Islam?

Das gilt selbstverständlich auch für den Islam. Es gab mal eine Serie über Religionen in der Zeit. Ich hatte den Job, zu jeder Religion einen Antiartikel zu verfassen, sie also kritisch zu betrachten. Bei den Juden war es ganz schön schwierig, etwas Negatives zu schreiben, ohne sich dem Verdacht des Antisemitismus auszusetzen, es klappte aber. Und ich dachte so: Naja, bei den Muslimen, mal schauen, was da passiert. Die Muslime blieben völlig friedlich. Diejenigen, die vor Wut schäumten, waren die Buddhisten. Weil sie überhaupt nicht gewöhnt waren, dass mal jemand etwas Negatives über sie schreibt. Da dachte ich, ihr Buddhisten seid nichts gewöhnt, über euch müsste man öfter was Negatives schreiben, damit ihr ein bisschen abhärtet. Man muss Hornhaut kriegen.

Die Muslime haben genug Hornhaut in der aktuellen Debatte?

Man muss das differenzieren. Die Muslime, die mit beiden Beinen im Leben stehen, kommen damit schon klar. Es gibt natürlich Fanatiker, aber ich würde mich nicht zu der pauschalen Aussage versteigen, dass Muslime keinen Spaß verstehen. Ich habe andere Erfahrungen gemacht.

Im Vorwort zu Ihrem aktuellen Buch bezeichnen Sie sich als "Schreiber". Was heißt das?

Ich wollte nicht so großkotzig daherkommen. Natürlich bin ich auch Schriftsteller, ich habe ja Romane geschrieben, aber wenn ich zurückschaue, muss ich sagen, dass ich wirklich kaum ein Genre ausgelassen habe in meinem Leben. Ich war zum Beispiel ein unglaublich schlechter Werbetexter.

Ist dieser professionelle Dilettantismus eine Stärke?

Leute, die literarisch schreiben, sind in gewisser Weise immer Dilettanten. Wir sind ja als Autoren keine Wissenschaftler, keine Spezialisten für irgendwas. Autor zu sein, bedeutet immer, die eigene Persönlichkeit zum Filter zu machen, durch den irgendetwas durchströmt und sich dann verwandelt und zum Text wird. Was mich irritiert in den letzten Jahren ist, dass die Trennung zwischen Kommentar und Meldung zu verschwinden droht. Wenn ich einen Text lese, der mich über etwas informieren soll, weiß ich meist schon beim dritten Satz, wo der Autor oder die Autorin politisch steht. Das finde ich nicht gut. Ich bin wirklich ein Anwalt des Subjektivismus, aber es muss auch im Journalismus eine Zone geben, in der man Fakten vor den Leserinnen und Lesern ausbreitet und sagt, mach dir ein Meinungsbild, urteile, ich packe dich nicht im Genick und sage, so musst du es sehen.

Worin besteht sonst die Gefahr?

Wenn es in den etablierten Medien nur noch Meinungsjournalismus gibt, ist die Gefahr da, dass die Leute sich andere Medien suchen. Dann gehen sie zu irgendwelchen Webseiten, die das in einer anderen politischen Farbe schildern, in ihrer Farbe. So sucht sich am Ende jeder seine Echokammer, in der nur noch das gesagt wird, was er oder sie gerne hört, in der man sich nicht mit lästigen anderen Meinungen auseinandersetzen muss.

Haben die etablierten Medien das Misstrauen gegen sie selbst verschuldet?

Ja, selbstverständlich. Die Fake-News-Vorwürfe hängen damit zusammen, dass viele das Gefühl haben, es nur noch mit Meinungsjournalismus zu tun zu haben. Ich habe kürzlich eine Kolumne über die unglaubliche Inflation an Anti-Trump-Texten in deutschen Zeitungen geschrieben. Wochenlang standen in allen Zeitungen täglich drei oder vier Anti-Trump-Texte. Obwohl ich diesen Menschen furchtbar finde, kam mir das so autoritär, kampagnenmäßig und übermächtig vor, es war fast ein bisschen eklig. Man muss sich fragen, welchen Sinn das hat, das wirkt ja kontraproduktiv. Das ist wie wenn man zu viel Sahne auf den Kuchen drauf tut, dann wird den Leuten schlecht.

Sie halten die Laudatio auf Platin-ROMY-Preisträger Peter Simonischek. Was verbindet Sie mit ihm?

Ich kenne ihn persönlich gar nicht, schätze ihn aber sehr und er scheint meine Texte auch zu mögen, ist mir zugetragen worden. Ich finde es als älterer Mann ja toll, dass der Herr Simonischek auf seine alten Tage zum großen Filmstar geworden ist. Das macht allen älteren Menschen Mut. Es gibt eine Karriere jenseits der 60. Egal, ob Mann oder Frau, da kann sich noch viel tun.

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