Soziale Staffelung für Ganztagsschule

750 Millionen Euro will die Regierung in den Ausbau der Ganztagsschule stecken.
Foto: Stephan Boroviczeny Fotografie

Österreich hinkt (noch) nach, bis 2025 soll Angebot aber auf 40 Prozent ausgebaut werden.

18.07.2016, 06:00

Die Bundesregierung hat am Dienstag vor ihrer Sommerpause beschlossen, eine Dreiviertel Milliarde Euro in den Ausbau ganztägiger Schulformen zu investieren. Bis 2025, so das politische Ziel, sollen 40 Prozent der Schüler in ganztägigen Schulformen unterrichtet werden, doppelt so viele wie derzeit.

… Eigentlich war der Beschluss als große Überraschung der Regierung vor dem Sommer geplant. Doch ein politischer Hickhack, ein Griss um das Geld und dessen Verteilung auf die Länder, hatte die Botschaft verhagelt. Der Streit – einige Länder wollten das Geld auch für Kindergärten und Krippen verwenden – ist nun beigelegt, die 750.000.000 Euro werden nur für den Ausbau und den Betrieb von Ganztagsschulen verwendet.

Ganztagsschulen sind im europäischen Vergleich eher die Regel als die Ausnahme: Wie die EU-Kommission erheben ließ, gibt es in 17 von 35 verglichenen Ländern nur die Ganztagsschule, in den anderen 18, darunter auch in Österreich, werden die Schulen zumindest teilweise als Ganztagsschulen geführt.

In Deutschland sind 38 Prozent der Schüler auch am Nachmittag am Schulstandort. In Österreich sind es derzeit rund 22 Prozent. In Frankreich 100 Prozent. Dort ist die Ganztagsschule seit 1880 die Regelschule.

Potenzial ausschöpfen

Aber warum machen wir das? "Damit wir in der Bildung wirklich einen großen Schritt weiterkommen", sagt Bildungsministerin Sonja Hammerschmid im KURIER-Gespräch. "Nicht nur für Bildungswissenschaftler ist die Ganztagsschule die beste Schulform. Auch gesellschaftspolitisch macht das Sinn", erklärt die Ministerin. "Damit haben Kinder aus sozial schwachen Familien mehr Chancen, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Und leistungsstarke Schüler können besser gefördert werden."

Hammerschmid will die Ganztagsschulen massiv ausbauen, sie besteht aber auf Wahlfreiheit der Eltern: "Weil alles, was zwangsverordnet wird, nie gut geht. Wir müssen das anders aufziehen, indem wir zeigen, dass diese Schulen einen Mehrwert haben – für die Eltern, die Kinder und die Lehrer."

Die Ministerin will den Eltern auch die Sorge nehmen, dass bisherige außerschulische Aktivitäten wie Fußball, Hockey oder Ballett bei einer ganztägig geführten Schule nicht mehr möglich sind: "Ganztagsschule bedeutet ja nicht, dass die Kinder fünf Tage pro Woche bis 16 Uhr in der Schule bleiben müssen. Das kann auch nur an zwei Tagen stattfinden, das wird vom Standort abhängen."

Soziale Staffelung

Hammerschmid kennt das Problem, dass viele Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen Ganztagsschulen fernbleiben, weil sich manche Familien das Essensgeld (etwa drei Euro pro Tag) nicht leisten können. "Wir wollen diese Kosten künftig sozial staffeln, je nach dem Einkommen der Eltern. Und für Kinder, wo die Eltern sehr wenig verdienen, wollen wir das Mittagessen kostenfrei machen."

Vor allem in den ländlichen Regionen sind Ganztagsschulen bisher nur spärlich vorhanden. Spitzenreiter ist Wien. Bildungslandesrätin Sandra Frauenberger will das Angebot, das jetzt schon von 40 Prozent der Schüler genützt wird, dennoch weiter ausbauen. Frauenberger: "Wir stehen für die Schule ohne Rucksack, wo Kinder in der Schulzeit alles lernen, was sie können müssen und nach der Schule nur mehr Freizeit auf sie wartet."

Das sei gut für das Familienleben – und für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. "In Wien können Volksschulkinder bis 17.30 Uhr betreut werden. Das ist eine große Erleichterung vor allem für Frauen, die meistens die Verantwortung für die Kinderbetreuung übernehmen."

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