Fach Ethik soll Beitrag zur Integration leisten

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In einem Migrationsland ist die Schule der wichtigste Ort, um Toleranz zu lernen.

13.09.2017, 06:00

Fast 32.000 muslimische Schüler gehen in Wiener Volksschulen oder Neue Mittelschulen (NMS), nur noch knapp 30.000 Pflichtschüler sind katholisch. Drittgrößte Gruppe sind die Schüler ohne Religionsbekenntnis, zeigen aktuelle Zahlen (siehe Grafik).

Im gemeinsamen Alltag erleben sie die Migrationsgesellschaft und die ganze Bandbreite der Kulturen, sagt der Soziologe Kenan Güngör: "Die Schule ist der Ort, wo man sich über Werte und Weltanschauungen austauschen kann und auch sollte, denn sie ist der wichtigste Sozialisationsraum für junge Menschen."

Was wäre da geeigneter als ein gemeinsames Fach "Ethik und Religionen" für alle? Seit nunmehr 20 Jahren läuft das Projekt als Schulversuch – mittlerweile an 230 Standorten in Gymnasien und Neuen Mittelschulen (NMS).

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Einen erneuten Anlauf, dieses Fach flächendeckend einzuführen, unternahmen gestern Befürworter wie der Religionsphilosoph Anton Bucher und der Grüne Bildungssprecher Harald Walser: "Das gemeinsame Reden über Philosophie und Religion kann einen wesentlichen Beitrag zur Integration leisten. Im christlichen Religionsunterricht hat sich da immerhin schon vieles positiv entwickelt, weil dort auch über andere Religionen gesprochen wird."

Gemeinsamkeiten

Michael Jahn, ehemaliger Schulleiter des BORG Hegelgasse 12 in Wien und Mitautor des ursprünglichen Konzepts für den Ethikunterricht, sagt, dass "wir das Fach heute mehr denn je brauchen. Denn wenn man Ethik ernst nimmt, stellt man fest, dass alle Kulturen und Religionen vergleichbare Grundsätze haben. Auch im Koran gibt es ähnliche Regeln wie bei Immanuel Kant und im Christentum. Für Muslime ist das eine Möglichkeit, wo sie sich wiederfinden können." In seiner Schule wurden katholischer Religions- und Ethikunterricht zur selben Zeit eingeteilt, damit die Lehrer gemeinsame Projekte durchführen konnten. "Der islamische Religionsunterricht findet am Nachmittag gesammelt an anderen Schulen statt. Doch sie besuchen auch gerne den Ethikunterricht, obwohl sie da eine Freistunde hätten und ins Kaffeehaus gehen könnten."

Guter Religionsunterricht gehe in eine ähnliche Richtung, beobachtet Jahn, aber letztlich werde alles aus dem Gesichtspunkt der Religion bewertet. Und natürlich gebe es in allen Religionen schwarze Schafe, gibt der Grüne Harald Walser zu bedenken. Besorgniserregend sei die Studie des Soziologen Mouhanad Khorchide, "wonach 21 Prozent der islamischen Religionslehrer die Demokratie offen ablehnen. 27 Prozent sprechen sich sogar gegen die Einhaltung der Menschenrechte aus. Da muss der Staat reagieren", sagt Walser. Auch FPÖ-Bildungssprecher Wendelin Mölzer fordert: "Es ist wichtig, auf Inhalte und Lehrpläne zu schauen und darauf, wer den Unterricht abhält. Mir liegt eine Liste von 80 islamischen Religionslehrern vor, für die Ausnahmen bei Kriterien wie Staatsbürgerschaft oder Sprachkenntnissen gemacht wurden."

Ethik statt Religion?

Heißt das jetzt, dass der Religionsunterricht ganz aus der Schule verbannt und durch einen Ethikunterricht ersetzt werden soll? In vielen Ländern ist das üblich, selbst in den erzkatholischen Kantonen der Schweiz gibt es das Fach "Ethik und Religion" für alle. Vom Abschaffen des konfessionellen Unterrichts halten die Bildungssprecher der Parteien wenig – das wäre aufgrund des Konkordats mit dem Vatikan nicht so leicht möglich.

Für eine sofortige flächendeckende Verpflichtung zum Ethikunterricht fehlten zudem Geld und Personal, stellt Michael Jahn fest. "Außerdem will ich den Religionsunterricht nicht in die Hinterhöfe abschieben."

Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) verweist darauf, dass viele Inhalte des Ethikunterrichts bereits durch die "Politische Bildung" abgedeckt werden, die ab der 6. Schulstufe verpflichtend im Lehrplan verankert ist. Und Rudolf Taschner vom Team Kurz schlägt vor, "dass es verpflichtenden Ethikunterricht für all jene geben soll, die keinen Religionsunterricht besuchen, da dieser eine wichtige Grundlage für das restliche Leben ist." Mölzer sieht das genau so.

Doch wie bei vielen guten Ideen fehlt für die Umsetzung das Geld. Für Taschner ist es "Aufgabe des Bildungsministeriums, hier die Finanzierung sicher zu stellen." Aus SPÖ-Kreisen heißt es, dass man nach dem 15. Oktober, dem Tag der Nationalratswahl, sowieso mehr Geld in die Bildung investieren will.

Kenan Güngör Foto: Kurier/Juerg Christandl Integrationsexperte Kenan Güngör

Wie wichtig der Unterricht für die Demokratie sei, betonte Verfassungsrechtler Heinz Mayer bei der gestrigen Pressekonferenz . Für Güngör wäre das Fach "ein notwendiger Schritt, aber nicht der einzige. Nur eine Stunde über Themen reden, reicht nicht. Wir brauchen eine demokratische Schule. Kinder müssen im Alltag erleben, was es heißt, etwas auszuverhandeln, Kompromisse einzugehen und sich in andere hineinversetzen können. Das ist die Voraussetzung für Empathie mit anderen Gruppen. Das wird allen gut tun, nicht nur Muslimen. Denn wir sehen auch bei österreichischen Jugendlichen eine Tendenz zur politischen Radikalisierung."

Für Pionier Jahn geht es in der Demokratieerziehung auch um fundierte Meinungsbildung. Wie man das lernt? "Manchmal spannen wir zwei sehr unterschiedliche Schüler zu einem Referat zusammen. Da lernt man auch, die Meinung des anderen zu akzeptieren."

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