Schweden: Flüchtlingskinder fallen ins Koma

Sie ist geflüchtet und nun in Europa
Foto: REUTERS/GIORGOS MOUTAFIS

In Schweden fielen Hunderte Flüchtlingskinder in einen komaähnlichen Zustand. Sie wurden darüber informiert, dass ihre Familien abgeschoben werden.

02.04.2017, 14:19

Eine mysteriöse Krankheit sorgt seit Jahren in Schweden für Aufsehen. Flüchtlingskinder fallen in einen komaähnlichen Zustand. Sie sind vollkommen passiv, unbeweglich, zeigen keine Anzeichen von Muskelspannung, leben zurückgezogen, sind stumm, unfähig zu essen und zu trinken, inkontinent und reagieren nicht auf physische Reize oder Schmerz.

Außerhalb des skandinavischen Landes wird vom Uppgivenhetssyndrom oder Resignation Syndrome (RS) kaum Notiz genommen wird. Dabei sind schon Hunderte Kinder erkrankt, nachdem ihre Familien darüber informiert wurden, dass sie in ihr Herkunftsland abgeschoben werden sollen.

Nur bestimmte Kinder betroffen

Aufgetreten ist die Krankheit in den frühen 2000er-Jahren, erzählt Göran Bodegård, Direktor der kinderpsychiatrischen Abteilung der Karolinska-Universitätsklinik in Stockholm, dem US-Magazin The New Yorker. Immer mehr Eltern seien mit ihren apathischen Kindern plötzlich in den Notaufnahmen aufgetaucht. Die Atmosphäre erinnerte ihn damals an Michelangelos römische Pietà. Die Vorhänge waren zugezogen, die Lichter aus. Mütter flüsterten, sprachen selten mit ihren kranken Kindern und starrten in die Dunkelheit. Sie waren davon überzeugt, dass ihr Nachwuchs sterben wird. Woran, hätten sie aber nicht gewusst, an Cholera oder eine unbekannte Seuche vielleicht. Doch die Diagnose lautete: Resignation Syndrome.

Laut der Studie "Resignation Syndrome: Catatonia? Culture-Bound" wurden zwischen 2003 und 2005 mehr als 400 erkrankte Kinder gemeldet, die meisten zwischen acht und fünfzehn Jahre alt. Zwar ist die Zahl der Erkrankten gesunken, das Syndrom bleibt aber weiter rätselhaft. Das hat zwei Gründe: Erstens sind Fälle außerhalb Schwedens nicht bekannt und zweitens betrifft es offenbar nur bestimmte Flüchtlingskinder. Nahezu alle diagnostizierten Kinder stammen aus ehemaligen jugoslawischen und sowjetischen Staaten. Einige gehören den Roma oder Uiguren an, schreiben die Studienautoren Hugo Lagercrantz und Karl Sallin dem KURIER per E-Mail.

Ein Team aus Psychologen, Politikwissenschaftlern und Soziologen betonten schon im Jahr 2006 den Zusammenhang zwischen der Krankheit und den kulturellen Hintergründen der Betroffenen. Die Symptome würden nur in einer speziellen Gesellschaft vorkommen. Edward Shorter, ein Medizinhistoriker der University of Toronto, sagt zum The New Yorker, dass jede Kultur ein "Symptom-Repertoire besitzt, eine Auswahl physischer Symptome, die dem Unterbewusstsein zur Verfügung stehen, um psychologischen Konflikten Ausdruck zu verleihen."

Beispiele dafür gibt es ausreichend: In Teilen Indiens leiden Männer an einer kulturell bedingten Sexualneurose, dem Dhat-Syndrom. Die Betroffenen glauben, dass sie durch Masturbation, nächtliche Samenergüsse oder manchmal auch durch den Urin Lebensenergie verlieren und schwach werden. Oder etwa in Nigeria, wo das Brain Fag-Syndrom verbreitet ist. Schüler und Studenten leiden an Körperschmerzen und einem brennenden Gefühl im Kopf. Als Gründe für die Krankheit werden gesellschaftlicher Druck und Versagensangst angegeben.

Lebenskraft verloren oder Schutzfunktion?

Das Resignation Syndrome wurde Anfang 2014 von den schwedischen Gesundheitsbehörden als neuer Diagnosegegenstand anerkannt. Man geht nicht länger davon aus, dass Kinder diese Symptome vortäuschen. Trotzdem liegen die genauen Ursachen der Krankheit noch im Dunkeln. Eine Erklärung könnte sein, dass sich Kinder nach den dramatischen Ereignissen wie Flucht und Bedrohung an die Hoffnung in der neuen Heimat klammern. Wenn diese allerdings nicht mehr vorhanden ist – zum Beispiel, wenn sie in ihr Herkunfsland abgeschoben werden –, würden sie in einen komaähnlichen Zustand fallen.

Magnus Kihlbom, Direktor des Instituts für Kinderpsychologie in Stockholm, schreibt im medizinischen Journal Läkartidningen, dass die Kinder ihren Willen zum Tod zeigen. Dabei zitiert er den Holocaust-Überlebenden und Psychiater Bruno Bettelheim, der KZ-Häftlinge beschrieb, die psychisch und physisch so erschöpft waren, dass sie ihre Lebenskraft verloren. "Sie aßen nicht mehr, waren still und reglos. Später sind sie gestorben."

Einige Psychologen sind der Meinung, dass es sich um eine Kommunikation der Kinder handelt. Wenn Wörter ihr Trauma nicht mehr beschreiben können, fallen sie ins Koma. Ähnlich sieht es die Medizinerin Elisabeth Hultcrantz. Für sie hat das Koma eine Art "Schutzfunktion“. Wenn Kinder gezwungen werden, in die Länder zurückzugehen, mit denen sie fürchterliche Erfahrungen verknüpfen oder die sie vielleicht gar nicht kennen, ziehen sie sich zurück.

Asylgesuch abgelehnt, ins Koma gefallen

Laut The New Yorker hat die Professorin an der Linköping-Universität bereits mehr als 40 Resignation-Syndrome-Kinder behandelt. Eines davon ist der heute 13-jährige Georgi, der im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie aus der russischen Republik Nordossetien-Alanien geflüchtet und nach Schweden gekommen ist. Sein Vater, Soslan, erhielt Morddrohungen, weil er bei der Gründung einer "pazifistischen, religiösen Sekte" geholfen hat, die die enge Verstrickung von russisch-orthodoxer Kirche und Staat ablehnte.

Als die Familie im Sommer 2015 erfahren hat, dass das Asylgesuch zum zweiten Mal zurückgewiesen wird, legte sie Berufung ein. Doch während des Wartens auf das Ergebnis habe sich Georgi verändert, erzählt der Vater. Er sei unnahbar geworden, hätte kein Russisch mehr gesprochen, Wörter wären bloß Geräusche gewesen, die man gar nicht verstehen konnte. Er habe sich immer mehr zurückgezogen.

Im Dezember 2015 wurde der Asylantrag endgültig abgelehnt, es hieß: "Sie müssen Schweden verlassen." Georgi sei in sein Zimmer gegangen und schloss die Augen. Am nächsten Morgen hätte er sich geweigert, das Bett zu verlassen oder zu essen.

Nach einigen Tagen untersuchte Ärztin Hultcrantz den Jungen, der sich nicht bewegen wollte bzw. konnte. Es schien, als würde er schlafen. Eine Kontaktaufnahme sei nicht möglich gewesen. Weil Georgi tagelang nichts gegessen hat, hat er bereits nach einer Woche massiv an Gewicht verloren. In der Notaufnahme erklärte man der Familie, dass die Reflexe intakt seien und der Puls normal. Aber als man dann seinen Arm hob und ausließ, fiel er auf sein Gesicht. Keine Reaktion. Schließlich habe der "Apathische" über einen Tubus künstlich ernährt werden müssen. "Sie sehen aus wie Schneewittchen", sagt Hultcrantz dem The New Yorker, "Sie sind aus der Welt gefallen."

Zu viel versprochen?

Bisher ist noch kein "Apathischer" an der Krankheit gestorben, aber einige Kinder litten mehr als vier Jahre am Syndrom. Lars Joelsson, der Präsident der schwedischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, erklärt, dass Ärzte nicht die Werkzeuge hätten, um diese Patienten zu behandeln. Man könne nur beobachten und aufpassen, dass sie nicht sterben. Es sei ein Dilemma, sagt Joellson. Ärzte müssten sich plötzlich nicht um medizinische Problemen kümmern, sondern auch um jene, die sozial und strukturell bedingt  sind – und im Verantwortungsbereich der Regierung liegen. "Flüchtlinge denken, dass Schweden ein heiles Land ist", sagte er, "aber sie irren sich. Wir leben diese hohen Ideale nicht."

Trotzdem stellt sich die Frage, welche Medizin gegen das Syndrom hilft. Die schwedische Sozial- und Gesundheitsbehörde schreibt in ihren 2013 publizierten Guidelines zum Uppgivenhetssyndrom, dass ein Patient nicht vollständig gesund wird, bis die Familie eine permanente Aufenthaltsgenehmigung bekommen hat.

Bei Georgi traf das jedenfalls zu. Im Mai 2016 hätten die Behörden seiner Familie mitgeteilt, dass sie für immer in Schweden bleiben dürfe, da ihr Sohn sichere und stabile Lebensbedingungen brauche, um wieder gesund zu werden. Doch auch auf die positive Nachricht reagierte Georgi zunächst nicht. Es vergingen zwei weitere Wochen - erst dann hat er seine Augen für einen kurzen Moment geöffnet. Drei Tage nach der ersten Reaktion trank er wieder Wasser mit einem Löffel, einen Tag später aß er ein Eis. Bei manchen Patienten dauert es sogar Monate, bis sie begreifen, dass sich ihre Situation verändert hat, heißt es in medizinischen Unterlagen.

Heute geht Georgi wieder zur Schule. Seine Leistungen seien zwar nicht mehr ganz so gut wie vor der Krankheit, aber Medizinerin Hultcrantz sei sich sicher, dass der Junge wieder vollkommen gesund werde.

Wie ein Glaskasten

Zur Journalistin, die den Artikel im The New Yorker verfasst hat, sagt Georgi, dass es nie seine Absicht gewesen sei, "einzuschlafen". Er wollte nur einen Tag im Bett verbringen, weil er wütend auf seine Eltern war. "Warum soll ich zur Schule gehen, wenn ich nicht hier in Schweden bleiben und eine Arbeit bekommen kann", wird er zitiert. "Das einzige Land, das ich kenne, das einzige Land, in dem ich ein Leben haben kann, ist Schweden."

Aber plötzlich habe er gespürt, dass er weder seinen Körper noch seinen Geist beherrschen konnte. "Ich war müde und hatte keinen Appetit", erzählt Georgi. Er habe sich in einem Glaskasten befunden, der sich mit Wasser füllt. "Ich verstand nicht, dass das nicht die Wirklichkeit ist. Es war schwierig, weil mich jede Bewegung töten hätte können. Ich habe dort gelebt."


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