Brauchen wir Forscher im Parlament?

12.08.2017, 06:00

Das Parlament, Hort der Bürgermeister, Kammerfunktionäre und Lehrer (beiderlei Geschlechts), wird durch diese Wahl voraussichtlich ein wenig bunter. Vor wenigen Tagen wurden zwei prominente Naturwissenschafter als Quereinsteiger präsentiert, die Chancen auf einen Einzug haben: Die ÖVP hat den Mathematiker und wertkonservativen Gymnasium-Befürworter Rudolf Taschner geholt. Auf der Liste Pilz kandidiert die Biochemikerin und linke Feministin Renee Schröder, die sich u. a. für eine strikte Trennung von Staat und Kirche einsetzte.

Theoretisch sind das interessante Signale, auch wenn man aus der Praxis weiß, dass sich gerade Wissenschaftler mit der Politik schwer tun. Nur der jetzige Bundespräsident Van der Bellen konnte das bedächtig Professorale zum Markenzeichen erheben.

Angstfach Mathe

Für die Sache der Naturwissenschaften gäbe es allerdings tatsächlich einiges zu tun – trotz der so zahllosen wie zahnlosen "Mint-Initiativen" (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) im Land. Firmen suchen dringend Lohnverrechner, Chemiker und vor allem Programmierer. Weil sich die Politik aber seit Jahrzehnten weigert, die Studentenströme etwas zu lenken, "produzieren" wir lieber massenhaft Publizisten, Psychologen und Jus- sowie WU-Abgänger.

Ja, Mathe gilt als Angstfach. Den Schülern und mehr noch den Schülerinnen wird die Faszination der Mathematik kaum vermittelt, im Gegenteil: allfälliges Interesse ausgetrieben. Es war das große Verdienst Taschners, diese Wissenschaft spannend darzustellen. Wobei er in der Politik nie mit seiner – wohl richtigen – Meinung durchgedrungen ist, dass nur mathematisch Begabtere in die Feinheiten des Fachs eingeweiht werden sollten, während für die Unbegabteren ein Basiswissen genüge. Nach wie vor wird versucht, alle Schüler über einen Kamm zu scheren – und am Ende kann die Hälfte nicht einmal Kopfrechnen. Hierzulande kommt man oft erst Jahre nach Schulabschluss (oder auch gar nie) darauf, dass es die Mathematik war, die den Menschen erlaubte, die Welt zu verstehen und sich von der Deutungshoheit der Kirche zu befreien. Es ist kein Zufall, dass die Türkei gerade die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen streichen lässt. Der Gottesstaat lässt grüßen.

Unpopuläre Meinungen

Ohne freie Wissenschaft gibt es keine freie Gesellschaft. Dazu zählt auch, dass die Forschung gängige Dogmen in Frage stellen darf, von wem immer sie gerade postuliert werden. Aber machen wir uns nichts vor: Auch in Österreich zählt Wissenschaft und Forschung oft eher zur Kategorie "zwos brauch ma des" – obwohl die amtierende Regierung immerhin die Forschungsförderung erhöhte, wofür sie Lob verdient.

Als man vor ein paar Jahren die Österreicher nach den bekanntesten heimischen Forschern befragte, nannten sie (neben dem tatsächlichen Spitzenforscher Anton Zeilinger) den damaligen SPÖ-Abgeordneten Josef Broukal, der davor eine ORF-Wissenschaftssendung moderiert hatte. Ob Taschner und Schröder je seine Popularität erreichen werden? Leider ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie ohne Partei-Etikett mehr bewirken würden. Aber immerhin haben sie (mehr als eine) eine Botschaft, was man nicht von allen Quereinsteiger(innen)n (Stichwort: Opernball) behaupten kann.

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