Starker Stoff: Wrestling in Wien

Foto: Mangione

Die Zeiten, in denen tausende Zuschauer zum legendären Heumarkt-Catchen strömten, sind längst vorbei. Auch international herrscht Krisenstimmung. Es gibt aber eine durchaus charmante Alternative zu den aufgeblasenen Shows nach amerikanischem Vorbild. Ein Nachmittag beim "Vienna Underground Wrestling" in einem Gürtel-Beisl.

24.09.2016, 06:00

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione "Geht scho, Jugo! Klapp eam zam wia a Calzone, den Itaka!" Der junge Mann mit dem flotten Spruch sieht aus wie ein Musterschüler, seine zwei Begleiterinnen könnten Jungpädagoginnen in einer selbstverwalteten Alternativschule sein, vielleicht auch vegane Aktivistinnen. Die Menge grölt, der blonde Athlet auf der Bühne grinst ins Publikum, bevor er seinen Gegner mit einem kraftvollen Schwung auf die Bretter knallt. "Jawoi!", sagt der Musterschüler.

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione Tatort "Weberknecht", Lerchenfelder Gürtel. Einmal im Monat ist das Musikbeisl, in dem normalerweise Rock- und Bluesbands ihre Gitarren würgen, Schauplatz für die hohe Schule der Ohrenreiberln, Armhebel und Gnackwatschn. Wrestling, das gute alte "Catchen", ist wieder da. Ein bisschen kleiner, intimer halt, als früher am Heumarkt, wo in der Sommersaison 1964 unglaubliche 350.000 begeisterte Zuschauer den "Gladiatoren des Atomzeitalters" zujubelten. Schon ab den 50ern lockten dort starke Männer die Fans in Massen an. Klingende Namen wie Georg "Schurli" Blemenschütz, der zumindest in Wien ein "Weltmeister" war, Klaus "der Staatenlose" Kauroff, Europameister Klaus "Susie" Wallas – und natürlich dessen Erzfeind, der dicke Otto Wanz, unter dessen Führung die goldene Wiener "Berufsfreistilringer"-Zeit zu Ende ging. Die Zuschauer blieben aus, 1998 war nach mehr als 40 Jahren endgültig Schluss mit der "Knochenmühle", wie der Heumarkt auch genannt wurde. Tot ist Wrestling deshalb aber noch lange nicht. Es gibt verschiedene Verbände, die einander natürlich nicht riechen können, viel läuft auf dem Land ab, in Bierzelten und bei Turnieren, hin und wieder sogar mit internationaler Beteiligung (siehe "Made in Austria", S. 70). In Wien ist es dem Chemiker, Martial Arts Athleten und Bodyguard Gerhard Hradil gelungen, mit einer neuartigen Liga und regelmäßigen Veranstaltungen im "Weberknecht" Kontinuität ins krisengebeutelte Genre zu bringen: "Underground Wrestling" heißt der Spaß. Kleiner Rahmen, kein Ring, keine Seile, kein federnder Bretterboden.
 

Gut gegen Böse

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione Jetzt kontert der "Itaka" Richi Zanoni und trifft Mirko, den "Jugo", mit einem satten Kick zwischen den Beinen. Das Publikum raunt. Im Wrestling ist die Welt prinzipiell noch in Ordnung. Sie ist schwarz-weiß, Gut kämpft gegen Böse, in einer beinahe rührenden Kindlichkeit, die man sonst nur noch im Popcorn-Kino oder in Old-School Fantasy-Geschichten findet. Der Gute muss durch eine schwierige Phase, damit wir uns um ihn Sorgen machen, richtig mitfiebern. Er wird Schläge einstecken, er wird am Boden sein – aber schließlich wieder aufstehen, sich zurückfighten und triumphieren. Und wir mit ihm. Das "Rocky-Prinzip" eben. Der schmächtigere, arrogante Zanoni, der nur mit fiesen Tricks arbeitet, ist der Böse. Mirko, ein liebenswerter, bärenstarker Prolo, ist der Gute. Mirko verliert.

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione Ein gemeiner, verachtenswerter Hinterhalt, der vom unfähigen Ringrichter ungeahndet bleibt, bringt dem "Itaka" den Sieg. Lässig streckt er den Gürtel des Champions in die Höhe, er scheint die Entrüstung und die Buhrufe des Publikums zu genießen, als würde er sich in einem Genieß-die-Brandung-des-Ozeans-Schaumbad räkeln. "Geh scheißn!", auch der Musterschüler ist empört. Freut sich aber schon auf die Revanche im November: "Des nächste Moi mocht er Pizzaschnittn aus dir – fia a gonze Großfamilie. Do gibt’s ka Gnade!", ruft er. Der Musterschüler ist eigentlich Student, Ethnologie, seine Freundinnen sind Literaturwissenschaftlerinnen. "Wir sind zum ersten Mal hier", sagt er in wunderbarem Hochdeutsch, dass ihm leicht von der Zunge perlt, "ein Freund hat uns davon erzählt. Und es ist wirklich witzig – eine super Sonntagnachmittagunterhaltung. Wir kommen sicher wieder." Und wo hat er seine Sprüche her? Hat ihn sein Vater früher mit zum Heumarkt genommen? "Ach woher – das kommt ganz spontan. Wenn man ordentlich mitgeht, macht’s gleich doppelt so viel Spaß." Die jungen Frauen nicken.

Vom Heumarkt zum Hipster-Sport?

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione Und vielleicht hat Gerhard Hradil ja wirklich einen Weg gefunden, das etwas verstaubte Konzept des "Wrestling" ins neue Jahrtausend zu transportieren. Ein Blick ins Publikum zeigt Menschen aller Altersgruppen, Frauen, Männer, Väter mit Kindern, dann wieder einige Burschen, die schon am Heumarkt Stammgast gewesen sein dürften. Mitten drunter erstaunlich viele Studenten und Hipster, die normalerweise wissen, was bald alle mögen werden. "Schau", sagt Hradil, "natürlich sind die Ergebnisse der Kämpfe ausgemacht. Es wär heutzutag ein völliger Blödsinn, das abzustreiten. Trotzdem ist Catchen ein Sport. Ein anstrengender sogar, der ordentlich weh tun kann. Das Publikum will richtige Typen sehen – und eine Story, bei der man sich mit jemandem identifiziert, jemanden hassen kann, und bei der hoffentlich alles gut ausgeht. Oder hin und wieder auch nicht." Hradil grinst.

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione In den 1960ern gab es noch Kommissionen, die feststellen sollten, ob beim "Profifreistilringen", wie es damals hieß, alles mit "rechten Dingen" abläuft oder ob das Ergebnis der Kämpfe im Vorhinein abgesprochen wird. Mit seinem Bekenntnis zur Show, zur Inszenierung, hat sich Gerhard Hradil, dessen Kampfname Humungus lautet – nach dem Bösewicht aus dem zweiten "Mad-Max"-Teil – in der Szene nicht gerade beliebt gemacht. Genauso wenig wie mit seinem Urteil über die "klassischen" Wrestler, die stur an den alten Inszenierungen im Boxring festhalten: "Geföhnte Trampolinspringer in Spandexhoserln."

"Klopf eam wach wia a Schnitzl!"

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione Im "Weberknecht" beim Underground Wrestling ist jeder olympische Gedanke vom authentischen Kampf Mann gegen Mann in weite Ferne gerückt. Es geht wie im Film oder in aktuellen Fernsehserien darum, dem ewigen Ungustl endlich eine in die Goschn zu hauen. Wenn’s gut gemacht ist, hat das eine kathartische Wirkung. Und manchmal, wie im wirklichen Leben, gewinnt der Ungustl. Dann gilt der alte Oscar-Wilde-Spruch: "Jede Geschichte geht gut aus. Wenn sie nicht gut ist, ist sie noch nicht zu Ende." Der klassische Serien-Cliffhanger eben. Die Protagonisten dieser Show, die im Prinzip so alt ist, wie die Menschheit selbst, sind Angestellte, Studenten, Arbeiter.

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione "Hot Bandita", die ihr Gesicht immer hinter einer Maske verbirgt, ist technische Zeichnerin. Aber in dieser Welt ist sie eine furchtlose Kämpferin, Ihre Rivalin "Chabela", die trotz einer Verletzung mit Krücken auf sie losgeht, ist im normalen Leben Akrobatin, Straßenkünstlerin und Clownin. Im Theaterstück "Wrestling Rita" war sie gemeinsam mit Humungus für Kampf-Choreografie und Stunts zuständig. "Doch, ich bin schon ein Jugo", sagt Mirko, der Held der Massen, nach seinem Kampf im Interview. "Aber ich kann auch ganz normal reden – ohne rrrr und mit passenden Artikeln."

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione Zanonis Großvater kam aus Italien. Sein Italienisch beschränkt sich allerdings auf die Speisekarte. Ob es ihn stört, wenn die Zuschauer ihn "Itaka" – und noch etliches mehr – nennen. "Ach woher, das ist ein Spiel. Jeder hat seine Rolle. Auch das Publikum." Und das scheint ganz automatisch zu wissen, was von ihm erwartet wird. "Klopf eam wach wia a Schnitzl, die blade Sau", schreit eine der Freundinnen des Musterschülers mit Begeisterung. "Wir sind nicht am Heumarkt!", war als Ermahnung bei derber Ausdrucksweise ein geflügeltes Wort des vorigen Jahrhunderts. Vielleicht heißt’s ja irgendwann einmal: "Wir sind nicht im Weberknecht!"
www.wrestlingschoolaustria.at

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione


Made in Austria

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione Seit den 1950er-Jahren wird in Österreich mit großem Erfolg gecatcht. Georg „Schurli“ Blemenschützs Heumarkt-Shows auf dem Platz des Wiener Eislaufvereins zogen die Zuschauer in Massen an. Die von Otto Wanz geleitete CWA (Catch Wrestling Association) war bis zu ihrem Ende im Jahr 1998 eine der wichtigsten Promotion-Agenturen Europas. Heute werden kleinere Brötchen gebacken. 1998 gründeten die Profi-Wrestler Humungus und Romeo die WSA (Wrestling School Austria), die derzeit dienstälteste Organisation des Landes. Mit dem „Underground Wrestling“ wird aktuell versucht, abseits von Bierzelten und Festivals, eine österreichische Liga mit regelmäßigen Events zu etablieren. Die nächsten Kämpfe finden am 4. Dezember im Weberknecht, Lerchenfelder Gürtel 47, Wien 16, statt.

Underground Wrestling Foto: KURIER/Jeff Mangione Die EWA (European Wrestling Association) wurde 2002 von den Profi-Wrestlern Chris Raaber und Michael Kovac gegründet. Sie orientieren sich eher am klassischen amerikanischen Vorbild.

Ein großer Profi-Wrestling-Event (WWE) steigt am 10. November in der Wiener Stadthalle.

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