Luan Pertl: "Ich bin die dritte Option"

„Seit meinem achten Lebensjahr selbst nicht sicher, wer ich eigentlich bin“
Foto: KURIER/Jeff Mangione

Er oder sie? Für eine intergeschlechtliche Person stellt sich diese Frage nicht.

03.04.2017, 05:00

Menschen wie Luan Pertl suchen nicht mit aller Gewalt das Licht der Öffentlichkeit. Sie hegen viel mehr die Hoffnung, dass die Darstellung ihrer Lebensgeschichte in den Medien hilft, anderen Menschen Leid zu ersparen. Respekt! Sie bekommen auch keinen Cent dafür, dass sie ihr Wissen und ihre Erfahrung öffentlich machen.

Luan Pertl wurde vor 39 Jahren in Mödling geboren und als Karin Pertl in einer Geburtsurkunde registriert. 37 Jahre lang standen Vorname und Geschlecht nicht zur Diskussion, wenigstens nicht für andere.

Stimmbruch Ende 30

Luan Pertl Foto: KURIER/Jeff Mangione Doch bei einem operativen Eingriff vor zwei Jahren kam die Wahrheit ans Tageslicht: Pertl erhielt Antwort auf die jahrelang belastende Frage, warum die Zuschreibung als Frau nicht den eigenen Erfahrungen entsprach: "Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt mit dem ärztlichen Befund ,Wucherungen auf der Gebärmutterschleimhaut’ gelebt. Bei der Entfernung meiner Gebärmutter fanden die Ärzte jedoch Narben, die eindeutig von einem Eingriff unmittelbar nach meiner Geburt stammen müssen."

Einer einfühlsamen Gynäkologin im Krankenhaus Lilienfeld gelang es unmittelbar nach der Operation, "mir die Wahrheit sehr schonend beizubringen". Danach beendete Luan Pertl das jahrelange Schlucken weiblicher Hormone. Den Rest erledigten körpereigene Hormone: "Nach einigen Monaten kam ich in den Stimmbruch, und es wuchs mir ein Bart."

Eine scharfe Zäsur im Lebenslauf, aber doch auch eine Erleichterung: "Für mich persönlich war diese Gewissheit wunderbar. Denn ich war mir ja seit meinem achten Lebensjahr selbst nicht sicher, wer ich eigentlich bin. Je älter ich wurde, umso größer wurde der Widerspruch." Es war ein ständiger innerer Widerspruch zwischen dem Sein und dem Schein, dem Fremd- und dem Selbstbild: Um die eigenen Eltern nicht zu brüskieren, entschied sich Luan, damals noch Karin, gegen sich selbst. Gab sich heterosexuell und stürzte sich Hals über Kopf in die Arbeit mit nackten Zahlen – in einer Steuerberatungskanzlei.

Luan Pertl Foto: KURIER/Jeff Mangione Mit Mitte zwanzig meinte ein junger Mensch, eine Lesbin zu sein. Und begann ein Leben in zwei verschiedenen Welten: hier eine fleißige kaufmännische Angestellte in Mödling und dort eine nach sich selbst Suchende in der Rosa Lila Villa in Wien.

Mit Ende zwanzig folgte die Erkenntnis, "dass ich Butch bin". Butch-sein meint ein Spielen mit den Geschlechterrollen, ein Leben dazwischen. "Erst die Operation Jahre später brachte mir endgültig Gewissheit."

Tatbestand: Folter

Und heute? Luan Pertl ist einer von knapp 120.000 Menschen in Österreich, die weder Mann noch Frau sind. Die Zahl basiert auf einer international öfter verwendeten Schätzung. Intersexuelle Menschen werden auch hierzulande nicht amtlich registriert. Sie gelten viel mehr als ein großes Tabuthema.

Ihr Status ist nirgendwo vorgesehen. Nicht bei den Erhebungen der Statistik Austria, nicht auf Formularen, nicht im geltenden Recht, in Schulen, Toiletten oder Umkleidekabinen auf Sportplätzen, in Mode oder Industriedesign. Auch nicht ganz zu Beginn des Lebens, wenn werdende Eltern gefragt werden, ob "es" ein Bub oder ein Mädchen wird.

Luan Pertl Foto: KURIER/Jeff Mangione "Man muss sich ständig einordnen in etwas, was man nicht ist", so die Erfahrung einer intergeschlechtlichen Person. Pertl hat erst im Vorjahr einen anderen Vornamen auch von Amts wegen angenommen. Bewusst Luan, weil Luan eine männliche ebenso wie eine weibliche Zuschreibung zulässt. Auch mit der plausiblen Begründung: "Die Frage, ob ich Mann oder Frau bin, stellt sich für mich nicht. Ich bin die dritte Option."

Um die gesellschaftliche Akzeptanz dieser dritten Option zu erhöhen, engagiert sich Luan Pertl im Verein vimoe (siehe Infokasten). Der Verein wurde im Februar 2014 gegründet. Und füllte sofort eine Lücke aus. Pertl: "Das Interesse von Betroffenen, Angehörigen, Menschen aus medizinischen und therapeutischen Berufen, von Universitäten, Schulen oder Kindergärten ist riesig."

Das Vereinsmitglied betont am Ende mit einem Hinweis auf schmerzliche eigene Erfahrungen: "Jede geschlechtszuweisende Operationen an Minderjährigen ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Auch die zwanghafte Hormontherapie entspricht dem Tatbestand der Folter."


Konkrete Hilfe für Betroffene und Angehörige

Der Verein Intergeschlechtliche Menschen Österreich  (vimoe), wendet sich gegen die gängige Zwei-Geschlechter-Norm und bietet Betroffenen, Angehörigen und Interessierten Hilfe an. Organisiert werden Selbsthilfe- gruppen, Peer-Beratungen, ein Stammtisch und Elternberatung.
Infos unter https://vimoe.at

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )
Antworten folgen
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    © 2017 kurier.at Hosted & Connected by