Wo wickeln Männer?

Meist fehlt der Wickeltisch für Väter.
Foto: Getty Images/iStockphoto/OSTILL/Istockphoto

New York schreibt nun Wickeltische auf Männerklos vor. In Österreich gibt es die Pflicht vielleicht auch.

13.01.2018, 06:00

In der Konferenz wird deutlich, wie unterschiedlich das Problem aufgenommen wird: "Ist das überhaupt ein Thema? Also ich lasse wickeln", sagt einer der Chefs.

Es ist zwar verlockend, das Thema zu verblödeln, aber zu einfach: Wo wickeln Väter, die Kinderbetreuung übernehmen, ihre Babys? Natürlich fand noch jeder eine Lösung, auf dem Schoss, auf dem Klodeckel, auf dem Waschtisch, oder nach leisem Klopfen im Damenklo. Aber nur weil ein Problem nicht unlösbar ist, ist es nicht kein Problem. Sonst wäre barrierefreies Bauen heute noch immer nicht normal und die Männerkarenz noch immer im Promill- statt im Prozentbereich. Und nachdem Wandwickelregale ab 80 Euro kosten und mit vier Schrauben in zehn Minuten montiert sind, bleibt die Frage: Was spricht eigentlich dagegen?

Neues Gesetz in New York

In New York gar nichts, findet dessen Bürgermeister Bill de Blasio und tönte diese Woche: "Überraschung: "Wir schreiben das 21. Jahrhundert und Männer wechseln Windeln." Per Gesetz müssen nun in der Metropole alle Herrentoiletten in öffentlichen Gebäuden binnen sechs Monaten mit Wickeltischen ausgestattet werden. Ende der Debatte, noch bevor sie begonnen hat. De Blasio erweitert damit, was der damalige US-Präsident Barack Obama schon im Oktober 2016 als Gesetz verabschiedete: verpflichtende Wickeltische in allen öffentlich zugänglichen Bundesgebäuden – übrigens unter dem Titel BABIES ("Bathrooms Accessible in Every Situation"). Ein Jahr davor hatte der prominente Schauspieler Ashton Kutcher, damals überstolzer Papa eines Sechsmonate-Töchterls, das Fehlen der Wickeltische in öffentlichen Männertoiletten moniert und eine Petition gestartet.

Wesentlich weiter ist Großbritannien, wo sich die "British Toilet Association" seit zwanzig Jahren mit der öffentlichen Wickeltischsituation auseinandersetzt. Deren Direktor erklärte diese Woche dem Nachrichtensender BBC: "Damals hatte gerade einmal eine von zehn Männertoiletten einen Wickeltisch, heute beträgt der Anteil eher zwei Drittel."

Ungelöst

Derweil erntet man neben Witzen in Österreich noch Verblüffung über das Thema. Das Büro des Wiener Wohnbau-Stadtrats Michael Ludwig ist auch für Amtsgebäude und Bauordnung zuständig, hat sich mit dem Thema noch nicht explizit auseinandergesetzt: "Aber das ist eine gute Sache, bei der man gesellschaftpolitisch die Aufmerksamkeit schärfen sollte. Ob man das regulieren muss, ist eine andere Frage." In Amtsgebäuden richte man mittlerweile Wickeltische generell in den barrierefreien Behinderten-WCs ein, wo Mütter und Väter Zutritt haben, das sei auch in "nahezu allen" schon geschehen.

Die Autobahnbetreiber-Gesellschaft ASFINAG hat das Thema schon länger präsent und baut standardmäßig in allen Rastplätzen auch auf dem Männer-WC klappbare, beheizte Wickeltische ein. "In 45 von 49 Anlagen haben wir das schon", erklärt Sprecherin Alexandra Vucsina-Valla. "Bei den Raststationen, die ja Pächter betreiben, sind vor allem in den neuen Häusern für alle Eltern zugängliche Wickeltische errichtet." Allerdings verweist Vucsina-Valla auch darauf, dass die Frequenz bei den Männer-Wickeleinrichtungen nicht so hoch ist, wie man sich wünscht."

"Einfach, das einzubauen"

Eben da beißt sich das Thema in den sprichwörtlichen Katzenschwanz und wird zugleich politisch: Muss man zuerst die gleiche Infrastruktur für kinderbetreuende Männer wie für Frauen schaffen – oder müssen die Männer zuerst mehr Kinder betreuen und diese Infrastruktur einfordern?

Der Wiener Gastronom Thomas Figlmüller überrascht mit einer klaren Antwort: "Es ist ja wirklich einfach, das einzubauen." Verblüffend ist das, weil er in seinem 2014 eröffneten Lokal "Lugeck" den Wickeltisch im Frauenklo angesiedelt hat. Wieso denkt einer, der mehrere Lokale betreibt und selber ein Kleinkind hat, noch dazu aufgeschlossen reagiert, beim Bau nicht daran? "Das ist wirklich eine gute Frage. Im Lokal ’Joma’, das wir davor gemacht haben, gibt es einen allgemein zugänglichen Wickeltisch. Wir haben einfach nicht daran gedacht." Tatsächlich habe sich in den drei Jahren auch niemand beschwert und viele Gastronomen würden eine weitere Auflage ablehnen, aber Figlmüller legt sich fest: "So einen Wickeltisch kann man leicht montieren und er kostet nicht viel."

Schon Pflicht?

Vielleicht ist es sogar rechtlich schon Pflicht, dass Männer auch einen Wickeltisch bekommen. Die Frage ist juristisch nicht geklärt, aber es deutet einiges darauf hin, sagt Gleichbehandlungsanwältin Ines Grabner-Drews: "Laut Gesetz darf niemand aufgrund des Geschlechts beim Zugang zu einer Dienstleistung benachteiligt werden. Es sagt sogar explizit, dass insbesondere im Bezug auf Familienstand oder ob jemand Kinder hat, niemand unterschiedlich behandelt werden darf." Zwar sei die Gleichbehandlungsanwaltschaft noch nie mit einem solchen Fall konfrontiert worden, wäre aber im privatwirtschaftlichen Bereich als Beratungseinrichtung dafür zuständig. "Man müsste dann die Frage klären, ob die Benutzung des Wickeltisches eine Dienstleistung im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes darstellt." Wenn dafür Geld verlangt wird, eher schon.

Übrigens: Der Flughafen Dubai bot schon vor zehn Jahren einen Wickeltisch im Männerklo. Kein Witz.

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