Sie üben für ihren Einsatz im Krieg

Training: Ein Bundesheermajor mimt hier ein Minenopfer
Foto: KURIER/Gilbert Novy

Im Südburgenland bereiten sich freiwillige Helfer aus der EU auf den Ernstfall vor.

10.08.2017, 05:00

Alles so weit friedlich, doch dann sehen die Kursteilnehmer Minenwarnschilder am Wegrand und den Mann, der wild gestikulierend direkt auf sie zuläuft: "Hilfe! Meinen Kumpanen hat’s erwischt!"

Mag schon sein, dass die liebliche Thermenregion im Osten Österreichs nicht sofort an das fiktive Ost-Samavia erinnert. Dennoch sieht man den acht jungen Leuten, die am "EU-Freiwilligen-Training für Einsätze in Krisengebieten" teilnehmen (siehe re. unten) ihre Aufregung an.

EU Aid Volunteers Foto: KURIER/Gilbert Novy Sie sind unterwegs im Gelände rund um die Burg Schlaining, mit klarem Auftrag: Sie sollen als Vorhut einer konzertierten europäischen Hilfsaktion agieren und in der von Rebellen kontrollierten und von einem Erdbeben erschütterten Krisenregion Ost-Samavia einen geeigneten Ort für ein Flüchtlingscamp auskundschaften.

EU Aid Volunteers Foto: KURIER/Gilbert Novy Weitere Hilferufe! Die Situation ist heikel: Drei aus der Gruppe laufen instinktiv los, in Richtung der Unglücksstelle. Dort liegt ein Mann in einer Kunstblutlache und fleht um schnelle Hilfe. Eine Atrappe deutet an: Der linke Unterschenkel wurde ihm nach einem Tritt auf eine Anti-Personen-Mine weggesprengt. Hastig werden Rucksäcke zu Boden geworfen und man kramt nach Verbandszeug und nach dem Funkgerät.

Erkenntnis-Gewinn

Wenig später wird sich der Schwerverwundete vom Boden erheben und als Soldat des österreichischen Bundesheers zu erkennen geben. Peter Sattler war in Syrien, im Kosovo und in Bosnien bei internationalen Friedensmissionen im Einsatz. Heute bereitet der Major unter anderen OSZE-Mitarbeiter auf ihren Einsatz in der Ostukraine vor. Und wenn seine Einheit gebeten wird, stellt er sein gesammeltes Know-how auch den Freiwilligencorps der EU zur Verfügung.

EU Aid Volunteers Foto: KURIER/Gilbert Novy Freundlich, aber schonungslos zeigt der Wiederauferstandene den jungen Leuten ihre Fehler auf: "In so einer kritischen Situation muss der Leader der Gruppe das Kommando übernehmen und zuerst die Lage sondieren. Erst, wenn sicher gestellt ist, dass der Weg zum Verwundeten frei von Minen ist, können die nächsten Schritte eingeleitet werden."

Als Faustregel gilt: "Niemand hat etwas davon, wenn es unter den Helfern weitere Minenopfer gibt." Allmählich wird den Umstehenden bewusst, dass sie völlig falsch reagiert haben. Das inszenierte Horrorszenario hat ihnen aufgezeigt, dass Einsätze in Krisengebieten ständig richtige Entscheidungen erfordern. Der österreichische Soldat gibt ihnen Tröstliches mit auf den Weg: "Glauben Sie mir, sollten Sie je in so eine Situation geraten, Sie werden sich sofort an diese Übung erinnern und daher wissen, was zu tun ist."

Psycho-Terror

EU Aid Volunteers Foto: KURIER/Gilbert Novy Nicht alle Stationen, die an den drei Tagen im Gelände passiert werden müssen, sind derart blutig. Nervenaufreibend sind sie jedoch alle: Beim Versuch, einen Checkpoint zu passieren, müssen die acht Helfer aus Spanien, Italien, Tschechien, Frankreich, Dänemark und Bulgarien den Psycho-Terror eines regimetreuen Uniformierten über sich ergehen lassen.

Den Frauen wird dabei eine besonders schwierige Entscheidung abverlangt. Der Uniformierte, im Zivilberuf ein deutscher Polizist mit langjähriger Einsatz-Erfahrung in Afrika, stellt die Frauen in einem Raum ohne Zeugen vor die Wahl, sich von ihm abtasten zu lassen oder sich vor ihm nackt auszuziehen. Er erhöht den mentalen Druck, indem er hinzufügt: "Wenn Sie beides ablehnen, darf Ihre Gruppe nicht den Checkpoint passieren."

Fünf Frauen weisen ihn sichtlich mit sich ringend am Ende zurück. Eine Spanierin, die bereits einen einjährigen Einsatz in Palästina hinter sich hat, entzieht ihrem Gegenüber indes das Kommando: "Sie dürfen mich abtasten, aber nur in Anwesenheit eines Kollegen von mir."

Nach dem friedlichen Mittagessen werden die Helfer Zeugen einer gespielten Entführung und müssen dann mitansehen, wie Rebellen eine Mutter mit Kind in einem Wald bedrängen.

Davide Coraggio, ein Teilnehmer aus Neapel, zeigt sich am Ende der drei Tage erschöpft und auch zufrieden: "Ich muss sagen, dass ich hier an meine eigenen Grenzen gehen musste. Ich glaube aber, wir konnten dabei wichtige Erfahrungen sammeln. Und wir haben Dinge gelernt, die man nicht in einem Lehrsaal lernen kann und die uns bei einem realen Einsatz vor gröberen Problemen bewahren sollten."


Europäisches Friedensprojekt

Das Trainingsprogramm

67 Freiwillige aus zahlreichen EU-Ländern nehmen an dem Trainingsprogramm in der und rund um die Burg Schlaining im Südburgenland teil. Das von mehreren Organisationen erstellte Programm beinhaltet Lerneinheiten zu humanitärer Hilfe, Sicherheit im Feld, Projektmanagement sowie zu interkulturellen Kompetenzen.

Das Studienzentrum

Die mehrtägige Ausbildung wird von der Europäischen Union finanziert und vom Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ASPR) durchgeführt.
Das ASPR wurde im Jahr 1982 in Stadtschlaining gegründet. Seine Mitarbeiter sind nicht nur in der Forschung tätig, sie gehen auch an Schulen und bilden für Einsätze in Krisengebieten aus. Nähere Informationen unter: www.aspr.ac.at

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )
Antworten folgen
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    © 2017 kurier.at Hosted & Connected by