Zum Gedenken: Beim "Onkel Doktor" Mengele

Affinity Konar
Foto: /Gabriela Michani

Zum Gedenken an die gefolterten Zwillinge schrieb die Amerikanerin Affinity Konar den Roman "Mischling" über Auschwitz.

12.08.2017, 06:00

Stasia ist zwölf. Sie sagt: "Ich will nicht erwachsen werden."

Die Krankenschwester lächelt, während sie antwortet: "Dann bist du hier am richtigen Ort."

In Auschwitz.

Bei Josef Mengele.

Der "Menschenzoo" des Lagerarztes, der – vermutlich im Auftrag von Pharmafirmen – Experimente durchführte, vor allem an eineiigen Zwillingen und Kleinwüchsigen.

Gliedmaßen wurden amputiert, Krankheitserreger und Drogen injiziert, Augen ausgestochen, um zu versuchen, die Farbe zu ändern ...

Brutal schön

Es ist nicht verwunderlich, dass es relativ wenige Bücher über die Teufeleien Mengeles gibt (der, versteckt zuerst in Paraguay, dann in Brasilien, bis 1979 am Leben blieb).

Selbst das Lesen von seinen Untaten ist Folter.

Hält man "Mischling" der Amerikanerin Affinty Konar besser aus als Sachbücher? Auch im Original steht diese Nazi-Wort im Titel.

Es soll auch bedeuten, dass aus Gefangenen im KZ Wesen gemacht wurden, für die es – in den seltenen Fälle des Überlebens – nahezu unmöglich wurde, die Welt wieder zu lieben.

Ein Kollege der Autorin hat den Roman als "brutal schön" bezeichnet.

Viel Gewicht liegt dabei auf "schön". Das ist in dem Buch tatsächlich so, es ist schön. Das Ergebnis des Kampfes, eine Sprache für Auschwitz zu finden. Anders als bei Primo Levi wird (leider) nicht wissenschaftlich kalt erzählt: von Unmenschlichkeit, sodass das Menschliche groß herauskommt.

Wolken blühen

Sondern warm.

Das irritiert anfangs oft.

Josef Mengele ließ sich von den Kindern, die er an der Rampe aussortierte, als "Onkel" anreden.

Dass ihn die beiden Hauptfiguren Stasia und Zwillingsschwester Perle so nennen, ist logisch.

Aber "Mischling" wird im Rückblick erzählt. Die Zwillinge sind längst erwachsen. Trotzdem hören wir anfangs immer vom "Onkel Doktor", wenn die Bezeichnung "Mörder" oder "A..." verständlicher wären.

Die Krematorien in Auschwitz werden "Kremas" genannt, und bei jenem Insassen, dem von einem Wärter in den Rücken geschossen wurde, "blühen rote Wolken zwischen den Streifen seiner Häftlingskleidung".

Heißes Wasser

Stasia und Perle machten bei allem mit, in der Hoffnung, ihre ebenfalls aus Łódź deportierte Mutter und der Großvater bekommen deshalb eine Extraportion Brot.

So nett plaudert Mengele mit Stasia. Und schüttet ihr heißes Wasser ins Ohr. Stasia wird taub. Und er schüttet ihr irgendwas ins Auge. Sie wird blind.

Es ging ihm auch darum, Zwillinge zu trennen und sie bei der Entfremdung zu beobachten. Das zu illustrieren, ist Hauptsache des Romans. Inklusive Perles Verschwinden und der Suche nach ihr, nach der Befreiung durch die Rote Armee.

Affinity Konan entschuldigte sich bei ihren Lesungen früher immer, weil sie so vermessen sei, als 38-Jährige ...

Die Fiktion aber ist wohl das einzig Wahre, wenn die Augenzeugen nicht mehr reden.


Affinity Konar:
„Mischling“
Übersetzt von Barbara Schaden.
Hanser Verlag.
365 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

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