TV-Tagebuch: Skandal! Böswillige Trinkspiel-Sabotage bei Elefantenrunde!

Die Teilnehmer der Elefantenrunde.
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

TV-Tagebuch: Elefantenrunde mit viel Gürtellinie, aber ohne 50 Shades Of Rute.

13.10.2017, 00:33

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Ob Elefanten, wenn sich ihre Chefs treffen, um auszudiskutieren, wer von ihnen den längsten Rüssel hat, von einer „Menschenrunde“ sprechen? Unwahrscheinlich. Erstens gibt es bei den Elefanten Chefinnen, und zweitens sind sie soziale und friedliche Tiere (ein Zusammenhang zwischen erstens und zweitens erscheint denkbar).

50 Shades Of Rute

Die letzte große Fernsehdebatte – im ORF trafen die Spitzenkandidaten von SPÖ, ÖVP, FPÖ, Grünen und Neos aufeinander, das Team Stronach gibt es nicht mehr, und Pilz hatte Hausverbot – verlief erstaunlich gesittet. Wer ein Trinkspiel-Bingo geplant hatte, wurde enttäuscht und blieb nüchtern: Niemand sagte „Ich habe Sie auch ausreden lassen“, „Tal Silberstein“, „rotschwarzer Verwaltungsspeck“ oder „Westbalkan“.

(Frage: Was ist eigentlich eine Westbalkanrute? Klingt ein wenig nach Krampus und/oder „50 Shades Of Grey“.)

Was es dagegen in sogenannten rauen Mengen gab: Das am häufigsten gebrochene Wahlkampfversprechen – nämlich „Nur noch einen Satz“.

Spontane Gürtellinie

Die Moderatoren Tarek Leitner und Claudia Reiterer eröffnen die Debatte mit dem guten Witz „Reden wir über politische Kultur“. Worauf Christian Kern tatsächlich erklärt: „Diesen Wahlkampf hätten wir uns ersparen können.“ Klingt tatsächlich nach einem wertvollen Sparpozenial – wirft aber die Frage auf: Wieso sagt er das erst jetzt?

Sebastian Kurz sagt daraufhin allen Ernstes: „Nicht nur die Spitzenkandidaten, sondern auch die Bevölkerung ist froh, wenn bald gewählt wird.“ (Wer wollte noch einmal in Neuwahlen gehen?) Dann spricht er Dirty Campaigning an und sagt: „Vieles war unter der Gürtellinie, wir sollten sicherstellen, dass sowas nicht bewusst gesteuert stattfindet.“ (Aktivitäten unter der Gürtellinie also nur spontan.)

Strache sagt, er möchte gerne ein Diener sein (falls jemand einen sucht, einfach im FPÖ-Klub anrufen) und zeigt sich dann enttäuscht, dass sich niemand "hingestellt" und für Dirty Campaigning entschuldigt habe (wie oft hat sich Strache in seinem politischen Leben, stehend oder sitzend, für etwas entschuldigt?).

Ulrike Lunacek betont, sie wolle „Zukunftsfragen“ in den Mittelpunkt stellen (mit Ausnahme der Frage nach der Zukunft der Grünen). Strolz möchte Verschwendung beenden und Parteiförderung kürzen, vor allem deshalb, weil die Neos eh kaum eine bekommen.

Themenwahl

Claudia Reiterer kündigt jetzt etwas Spannendes an – jeder Kandidat darf EIN Thema nennen, das dann in der Runde diskutiert wird. (Sie sagt auch dazu, jeder dürfe zu diesem Zweck nur einen Satz verwenden, und spätestens jetzt wird es unrealistisch.) Strolz wählt das Thema Bildung, in erster Linie deshalb, damit er endlich von Flügeln und deren Hebung reden kann. Lunacek bringt das Thema Klimawandel, Strache „Zuwanderung stoppen“, Kurz (nein, nicht „Kurz“, sondern:) „Sozialstaat absichern“, und Kern erzählt zuerst, wie gut er bisher Politik gemacht hat, und wählt dann doch ein Thema: „Arbeitsplätze“. Und das ist dann gleich als erstes dran.

In weiterer Folge sagt Kern viele Sätze voller schöner Begriffe wie „Innovation“ und „Kaufkraft“ und „Elektroautos“. Strolz sagt, dass er als einziger schon Arbeitsplätze geschaffen hat und dass Unternehmer nicht auf Yachten sitzen und dass es UNTERNEHMERGEIST braucht und dass wir die Lohnnebenkosten RUNTERBRINGEN müssen, und bei „Unternehmergeist“ und „runterbringen“ ballt er ganz wild die Fäuste, sodass allen zufällig anwesenden Lohnnebenkosten angst und bange wird. Kurz reagiert darauf, indem er wieder von der Arbeitslosigkeit seines Vaters erzählt und wieder von den Formularen über die Nichttrinkbarkeit von Putzmittel, man kann schon auswendig mitsprechen. Die Pointe ist übrigens von Kern geklaut.

Jetzt schaltet sich Strache ein, und sagt ganz beleidigt, dass auch er schon „Jobs gegründet“ habe, und zwar „nicht als Rhetoriktrainer, sondern mit meiner Hände Arbeit, als Zahntechniker!“ Und bei „meiner Hände“ zeigt er seine Hände, schüttelt sie drohend, sodass man sehr froh ist, dass man diese Hände in dem Moment nicht in seinem Mund hat, und Rhetoriktrainer Strolz schaut fast gerührt, wie auf einen gelehrigen Schüler. Davon abgesehen will Strache weniger Bürokratie.

Lunacek ergänzt jetzt, dass Umweltschutz und Wirtschaft kein Widerspruch sein müssten, und wie so viele Dinge, die sehr wichtig sind, klingt das in dem Moment furchtbar fad.

Angst her!

Jetzt kommt ein fast absurder Moment: Claudia Reiterer fordert die Runde auf, nicht so brav zu sein und mehr zu diskutieren. Und ausgerechnet Strache sagt: „Wir sind so diszipliniert.“ Gut, Disziplin ist ja eine Tugend im Dritten-Lager-Milieu.

Es geht jetzt ums Sozialsystem. Kurz lobt Menschen, die „hart arbeiten und früh aufstehen“ (warum glaubt man in Österreich so stur, harte Arbeit sei nur frühmorgens möglich?). Jedenfalls haben diese Menschen Angst, so Kurz, dass sich das Sozialsystem nicht sichern lässt. (Und falls sie bis jetzt keine Angst hatten, lernen sie jetzt, dass Angst angebracht ist.) Und wenn die Angst jetzt schon einmal da ist, kann Kurz auch gleich sagen, was gegen sie hilft: Weniger Mindestsicherung für Flüchtlinge.

Claudia Reiterer fordert jetzt Strache auf, den „kürzesten Schachtelsatz aller Zeiten“ zu basteln, er sagt, er werde sich bemühen, aber diejenigen von uns, die Kinder haben, wissen, dass diesem Satz nicht zu trauen ist, vor allem, wenn es darum geht, endlich das ganze Spielzeug wegzuräumen, Himmelkruzifix!, jetzt leg doch einmal das blöde Handy weg, in deinem Alter bin ich stundenlang barfuß auf Bäume, und da ist Straches Satz auch schon fast fertig, „Sozialversicherungsanstalten“ kam darin vor, übrigens. Strache borgt sich jetzt von Strolz einen rosa Kugelschreiber, sagt dazu „Parteispende, haha“, aber wer muss das Klumpert nachher wieder wegräumen?

Jetzt ist Kern dran, und er sagt: „Es gibt gesellschaftliche Trends, einer davon, dass wir glücklicherweise immer älter werden.“ Dass da noch keiner draufgekommen ist: Das Problem mit „Pflege“ und „Pensionen“ resultiert einfach aus der Tatsache, dass der Tod aus der Mode kam. Finanzieren lässt sich das Nichtsterben jedoch schon, und zwar durch „wirtschaftlichen Erfolg“. So einfach kann alles sein.

Kurz sagt jetzt „Flüchtlinge“ und „Mindestsicherung“ und „Geld für Kinder im Ausland“.  Strolz will Sprachkurse und sagt dann „Integration stemmen“. Und weil ihm jetzt, beim Thema Pensionen,  „die Energie einschießt“, sagt er „Kern hat seinen Mut in der Garderobe aufgehängt“ sowie „Ich bin Abteilung enkelfit statt slimfit“.

Lunacek weist jetzt darauf hin, dass die Mindestsicherung gerade 0,8 Prozent der Sozialausgaben umfasst und versucht sich an einer differenzierten Analyse, aber irgendwie hört niemand hin.

Noch mehr Angst

Nun ist das Thema Zuwanderung dran. Strache will die Grenzen kontrollieren und ist gegen Schulen mit einer Mehrheit muslimischer Schüler und sagt: „Es hat im letzten Jahr 140.000 rechtswidrig aufhältige Aufgriffe gegeben. Es sind Entwicklungen passiert!“ Dann kommt die Begriffskette Kindergärten – Schulen – Moscheen – der IS. Strache bezeichnet dann übrigens „legale Zuwanderung“ als „Bereicherung“, was doch einige seiner Anhänger verblüffen dürfte.

Kurz ist schon wieder gegen Kinderbeihilfe ins EU-Ausland und will illegal eingereiste Asylsuchende zurückschicken und Kontrolleure in Moscheen. Kern sagt, dass viele Menschen, „vor allem Frauen“, Angst haben (spätestens jetzt sperren alle Zuschauerinnen die Wohnungstüre doppelt ab) und will deshalb Bundesheer und Polizei besser ausrüsten.

Lunacek spricht sich gegen die Vermischung von Flucht und Zuwanderung aus und fordert europäische Lösungen und alle schauen angestrengt weg.

Strache ist überraschender Weise gegen die Scharia und gegen die Todesstrafe für Homosexualität.

Umweltverdünger

Neues Thema: Klimaschutz. Das Thema von Lunacek. Sie entwirft ein Bild voller Stürme und Dürren und Heulen und Zähneklappern und  warnt: „Der Planet wird zerstört.“ (Einspruch: Der Planet ist überhaupt nicht in Gefahr, nur die Menschheit.) Lunacek: „Aber das interessiert nur uns Grüne.“ Strolz: „Einspruch!“ Lunacek: „Langsam!“ Strolz: „Langsamer Einspruch!“

Lunacek  fordert einen Stopp von Neuzulassungen von Autos mit Verbrennungsmotoren, und Abermillionen Wähler denken sich augenblicklich: Juhu, endlich muss ich kein Auto mehr kaufen, da wähl ich doch grün! Strolz drängelt sich vor und entwirft ein kompliziertes Konzept rund um die Begriffe „CO2-Steuer“, „Steuerungseffekt“ und „die Schweden“, niemand kennt sich aus, Strolz sagt, er würde dieses Konzept auch den anderen „stiften“, aber niemand will zugreifen.

Kern will „aggressivere Ziele“. Beim Klimawandel, nicht im Wahlkampf. Dann drückt er auf den nächsten Angst-Knopf, sagt „Glyphosat“ und nennt das Mittel einen „Umweltverdünger“. Strache schaltet sich ein und sagt, es habe schon im Mittelalter einen Klimawandel gegeben. (Pest, Drachen, Gatsch auf den Straßen und auch noch Klimawandel – wieso sind eigentlich Mittelalter-Feste so populär?)

Claudia Reiterer ruft jetzt zur Schlussrunde auf, was Strolz zu Recht empört, schließlich fehlt noch sein Thema, also Bildung. Strolz will die Stärken der Schüler fördern, anstatt sie „in Fehlersuchbilder zu verwandeln“, die Lehrer besser ausbilden, aber auch unfähige Lehrer loswerden (schließlich dürften unfähige Chirurgen ja auch nicht bis zur Pension weiter Bäuche aufsägen). Dann ruft er „Parteibücher raus“ und legt dabei eine Gestik hin, als würde er für den Hamlet vorsprechen (leider hat er keinen Totenkopf dabei). Kurz lobt seinen ehemaligen Rhetoriktrainer daher auch: „Herzhaft vorgetragen, und bis auf die Untergriffe war viel Gutes dabei.“

Danach fallen Begriffe wie „Bildungspflicht“ und „gleiche Chancen“ und „wir sind gegen die Gesamtschule“. Strache sagt, „wenn man zu Bildung nur drei Sätze sagen darf, hat der ORF beim Bildungsauftrag versagt“, Reiterer sagt, „aber Sie sind bei der Redezeit weit vorne“, worauf Strache die Zahlen anzweifelt.

Wählt mich, bitte!

Jetzt kommt wirklich die Schlussrunde: Jeder soll sagen, mit welcher anderen Partei er sein Hauptanliegen am besten umsetzen kann.

Worauf natürlich kein einziger dieses tut, sondern jeder und jede an die Wähler appelliert, sie/ihn zu wählen.

Dann lobt Tarek Leitner noch den ORF, und dann ist es aus.

Noch drei Mal Schlafen.

Guido Tartarottis Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 24. Oktober und am 2. Dezember im Theater am Alsergrund, am 20. November in der Kulisse Wien und am 9. Jänner 2018 im Orpheum Wien zu sehen.

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