TV-Tagebuch: "Ehrenbeleidung, Verhetzung, Spionage…"

Von links: Sebastian Kurz, Claudia Reiterer, Christian Kern
Foto: Screenshot

Das letzte TV-Duell zwischen Christian Kern und Sebastian Kurz in der Nachlese.

12.10.2017, 11:29

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Mittwoch, 11.Oktober, in einem Fernsehstudio in Wien. Wahlduelle, letzter Akt.

Am Tisch sitzen:

Claudia Reiterer, (ORF)
Christian Kern, (SPÖ)
Sebastian Kurz, (ÖVP)

Claudia Reiterer fasst zur Begrüßung zusammen, wie es den beiden Säulen der Zweiten Republik, SPÖ und ÖVP derzeit miteinander geht: „Ehrenbeleidung, Verhetzung, Spionage…“ Diese Ehe sah schon mal glücklicher aus.

Die Moderatorin begrüßt auch „wie immer eine ganze Reihe erstmals Wahlberechtigter“, die zum Einstieg in die Staatsbürgerpflichten die Ehre haben, den wildesten Wahlkampf seit Waldheim mitzuerleben.

Reiterer: „Was muss ein Kanzler können, Herr Kurz?“
Kurz nagelt die Worte „Mut“, „Wille“, „Kraft“ und „Entschlossenheit“  ans Mobiliar.

Kern: „Wir sind uns beiden bewusst, dass einer von uns beiden der nächste Bundeskanzler sein wird.“ (Auf den Faktencheck sind wir gespannt). Was sie unterscheide: Er stamme aus der Ära Kreisky & Vranitzky. „Sebastian Kurz stammt aus einer Generation, die von Wolfgang Schüssel geprägt ist.“ Das Gespenst des Neoliberalismus erscheint. Es sieht aus wie eine Mischung aus Karlheinz Grasser und Wolfgang Schüssel.

Reiterer, die diese Argumente auch schon alle kennt, fragt, wie man eigentlich zu reformieren gedenke, denn üblicherweise laute hierzulande ja das Motto : „In Österreich muss was geschehen, aber es darf nichts passieren.“ Also: „Welche Staatsausgaben möchten Sie kürzen, Herr Kern?“

Kern spricht lieber drüber, wo er überall investieren möchte.

Reiterer: „Meine Frage war nicht, wo investieren sie.“

Kern: „Einsparungen, die insbesondere die föderalistische Struktur Österreichs betreffen.“ Ansonsten sei das Modell von Kurz unrealistisch, weil die Gegenfinanzierung fehle. Außerdem helfe dessen Steuermodell nur den Reichen (siehe auch: Schreckgespenst, neoliberales).

Reiterer: Herr Kurz, wo würden Sie kürzen?

Kurz: „Herr Kern, was sie versuchen, mich als Repräsentant der Reichen zu positionieren. Ich kann vielleicht über meinen Werdegang sprechen: Ich komme aus Wien aus dem 12. Bezirk. Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater war HTL-Ingenieur und meine Großeltern kleine Bauern in Niederösterreich.“

Reiterer hakt gemeinerweise bei dieser Anekdote ein: „Wenn wir bei der Mutter sind: Wo im Bildungsbereich kann man sparen? Bei den Personalkosten?“

Kurz (will das lieber nicht seiner Mutter verklickern): „Wir haben oftmals sehr teure Systeme geschaffen.“ Und: „Wenn ich ins Detail gehen darf.“ Sparen will er bei a) Flüchtlingen, und b) Krankenversicherungen und c) „Es hat oft die Kraft gefehlt“.

Reiterer (legt eine erste kleine Zwischenrechnung vor): „Ich weiß, der Wahlkampf ist die Zeit, wo Milch und Honig fließen.“ Wie wäre es, bei den Förderungen zu sparen, will sie wissen: Sozialförderung, Wirtschaftsförderung, Landwirtschaftsförderung... da gebe es doch vielleicht Gestaltungsspielraum?

Kurz: „Darf ich den Gedanken kurz zu Ende führen.“

Kern (nimmt ihm die Arbeit gerne ab): „Ich hab einen Taschenrechner zuhause und wenn ich durch die Positionen geh, kann ich mir nicht vorstellen, dass das einigermaßen ausgeht, was die ÖVP verspricht.“ Er verspricht dafür: „Gemeinwohl.“ 

Reiterer: „Aber wo sparen Sie, Herr Kern?“

Kern: „Ich darf darauf zurückkommen.“ Viele Sätze später: Die  London School of Economics habe im Gesundheitswesen für ihn 700 Millionen Sparpotenzial entdeckt. Dafür will er a) „keine Steuerrerleichterung für Superreiche“, sondern b) „dass Bauarbeiter in der Steiermark dieselben Leistungen wie in Vorarlberg“ bekommen. Und c) „Ich war kürzlich in Braunau…“

Reiterer (will lieber nicht gedanklich in ein drittes Bundesland reisen): „Wollen wir den Herrn Kurz einmal antworten lassen.“

Kurz: „Sollte ich gewählt werden, gibt es 1500 Euro Familienbonus pro Kind.“ Und: „Nicht schlechtere Leistung beim Patienten.“

Reiterer erzählt von einem Gedankenspiel, dass man die Landeshauptleute „wie in einem Konklave einsperren und solange nicht herauslassen soll, bis eine Verwaltungsreform heraus kommt“.
Kurz (sichtlich randvoll mit den Worten „Mut“, „Wille", „Kraft“ und „Entschlossenheit“): „Gute Idee.“ Sicherheitshalber befindet er, „…dass ich die Kraft dazu habe, das durchzuziehen“.

Schließlich habe er auch die ÖVP übernommen, erzählt Kurz, als hätte er dabei das beste Investment seines Lebens getätigt. „Ich habe Bedingungen gestellt und die Statuten geändert.“ Warum die schwarzen Landeshauptleute auch außerhalb der Partei auf Macht verzichten soll, verrät er nicht. Ist aber auch sekundär, denn: „…die größte Herausforderung ist die Zuwanderung“.

Kern macht einen auf Kreisky und liest seinem Gegenüber das eigene Parteiprogramm vor. Dann kommt er endlich wieder nach c)…Braunau: „Dort wurde eine Reform gemacht im Spitalswesen. Der Effekt: Es gibt im Bezirk Braunau keine Herzkatheterpraxis mehr.“ Und, Sprung zurück nach Wien: „Ich bin in Simmering aufgewachsen. Dort hast du immer noch das Problem, dass die Leute sieben Jahre früher sterben als in den inneren Bezirken.“

Kurz hat offenbar nicht auswendig gelernt, wie früh die Menschen in Meidling sterben. Aber: Auch er will in die Gesundheit investieren, wenn auch gepaart mit Reformen. „Die Ausgaben haben sich verdreifacht, aber die Qualität wird schlechter.“ Das gipfle darin, dass „in Wien eine 88-jährige Frau ein Gangbett hat, obwohl ein Bett frei war“.

Reiterer (macht trocken einen weiteren Kassasturz): „Ich fasse zusammen. Keine Gangbetten und Spitäler näher zusammen.“ Das Konklave klingt immer verlockender.
Nächstes Thema.

Kern zückt das erste Taferl des Abends: Einer von Kurz’ Großspendern werde durch dessen Steuermodell derart begünstigt, dass er am Ende „null Euro Steuerlast“ habe.

Kurz (will nicht Freund der Reichen sein): „Ich gebe heute hier das Versprechen ab, sollte ich gewählt werde, dann ist die erste Steuererleichterung eine für kleine und mittlere Einkommen und ein Kinderbonus von 1500 Euro pro Kind.“

Taferl kann Kurz außerdem auch: Er holt dasselbe heraus wie am Sonntag bei Puls4. Da steht, dass das ÖBB-Management unter Kern viel höhere Gehaltszuwächse hatte wie der Rest der Belegschaft. „Die absoluten Zahlen hab ich gar nicht aufgeschrieben, das wäre fast peinlich. Ich komm’ aus ganz normalen Verhältnissen und hab’ vor, für die arbeitenden Menschen.…“

Die beiden verzetteln sich darin, wie kaputt die ÖBB vor Kerns Antritt waren und wer welche Boni verdient hat oder nicht. Kern landet aber noch einen kleinen Nasenstüber à la Kreisky: „Ich erklär' Ihnen, wie Gewinn- und Verlustrechnung funktioniert, dann verstehen Sie vielleicht auch ihr eigenes Wahlprogramm.“

Reiterer macht sicherheitshalber das Thema „Migration“ auf.

Kurz (immer noch beleidigt auf Kern): „Sie haben meinen Zugang, den Zugang übers Mittelmeer als Vollholler bezeichnet.“

Reiterer (pädagogisch): „Ich möchte nicht, dass bei diesem Duell jetzt noch geredet wird, wer was wann gemacht hat. Wie können wir die Migration aus Afrika stoppen?“

Kurz will unterm Strich „ordentlichen Außengrenzschutz“. Die Leute sollen nicht nach Europa gerettet, sondern zurückgebracht werden - das „australische Modell“.

Kern lobt die Erfolge seiner Kanzlerschaft: „Das Ergebnis der vielen Maßnahmen, die wir beschlossen haben ist, dass sich die Zahl der Flüchtlinge, die nach Österreich kommen, reduziert hat.“

Kurz schweigt.

Reiterer (staunt): „…ich hab dem Eindruck, Sie können dem zustimmen?“

Kurz (staunt selber, fängt sich aber sofort): „…was jetzt noch fehlt, ist die Entschlossenheit, das durchzusetzen!“

Reiterer wendet ein, dass der Klimawandel die Fluchtursachen verschärfen könne.

Kern: „Wir brauchen da eine prononciertere Politik.“ Außerdem habe die ÖVP beim Glyphosat-Verbot gekniffen: „Wir haben gesehen, wer wo steht. Die ÖVP hat sich entschieden, dass sie die falschen Interessen schützen.“

Kurz’ reißt genervt die Hände in die Höhe: „Ja sicher: Wir wollen Spitäler schließen, Krebs am Teller, wir wollen alles Böse für das Land. Stimmt nur alles nicht.“

Nächstes Thema: Arbeiter und Angestellte gleichstellen.

Kurz will bei Polit-Inszenierungen vor der Wahl nicht mitmachen (was ihn ehrt) und spricht von „Husch-Pfusch“.

Kern wendet ein: „Man muss nur den Mut haben und der Wirtschaftskammer sagen, dass das nötig ist.“

Eine sehr ungute Debatte über Unterhaltszahlungen, Frauen, die auf den Knien rutschen und wer sie wie demütigen (oder nicht) will, entspinnt sich.

Zum Schluss zeigt Kurz noch ein Foto von Kern und Strache, die nach einer TV-Debatte ein Bier miteinander trinken. Sein messerscharfer Schluss: Die packeln.

Kern kontert: „Sie haben das ganze Programm der FPÖ kopiert.“

Reiterer wagt sich an die Frage heran, die nach dem Wahlsonntag virulent wird: „Können Sie sich noch einmal eine Neuauflage vorstellen…?"

Kern kontert mit einem Ersatzteil aus dem Rhetorik-Abstellkammerl: „Wir haben ein Programm vorgelegt, das hat 200 Seiten…“

Kurz räumt die Schlusspointe ab, in der er sich mit John F. Kennedy vergleicht.

Eigentlich schade, dass das mit den TV-Debatten bald alles vorbei sein soll.

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