Thomas Glavinic: "Angst ist ein Menschheitsfeind"

Bezeichnet sich als "neurotisches Sensibelchen": Thomas Glavinic.
Foto: KURIER/Jeff Mangione

Der Romancier Thomas Glavinic über sein neues Buch, eine "Gebrauchsanweisung zur Selbstverteidigung", und die heimische Politik, die im Wahlkampf ihre "Meisterschaft in Hinterhältigkeit" unter Beweis stellte.

13.10.2017, 12:27

KURIER: Sie vermögen durchaus zu verblüffen. Denn Sie haben einen unterhaltsam zu lesenden Ratgeber geschrieben, eine "Gebrauchsanweisung zur Selbstverteidigung" – auch zur mentalen. Im Piper Verlag sind im Rahmen einer Reihe schon viele "Gebrauchsanweisungen" erschienen, zumeist allerdings für Länder und Städte. Wurden Sie gebeten? Oder wie kamen Sie auf die Idee?

Thomas Glavinic: Ich wurde gefragt, ob ich eine Gebrauchsanweisung für Kampfsport schreiben würde. Kampfsport für sich genommen interessiert mich nicht besonders, also habe ich das Thema Selbstverteidigung vorgeschlagen und anklingen lassen, dass es nicht nur um die körperliche Ebene der Selbstverteidigung gehen soll. Ein Buch darüber zu schreiben, wie man andere verprügelt, hätte ja nun eher überschaubaren Reiz gehabt. Ich wollte ein Buch für Männer und für Frauen schreiben, eines, das auch jemandem nützt, der "nur" im Büro drangsaliert wird, und nicht eine Monografie über die Ohrfeige.

Was aber auffällt: Sie treten in Dialog mit einer Leserin oder einem Leser, der sich zumindest wehren könnte oder sollte. Doch sind zumeist nicht jene die Opfer, die dazu gar nicht in der Lage sind? Zum Beispiel gebrechliche Menschen.

Wir sind doch alle gebrechlich. Bei meinen Lesern setze ich jedenfalls keine Wehrhaftigkeit voraus, sondern bloß den Wunsch, sie zu entwickeln.

Da Sie weder Soziologe oder Psychotherapeut, sondern Erzähler sind: Was befähigt Sie zu einer solchen Gebrauchsanweisung? Die Lebenserfahrung?

Dass mir manche Menschen auf diesem Gebiet Kompetenz zutrauen, liegt vermutlich an meinem Äußeren. Außerdem leide ich nach übereinstimmender Einschätzung meiner Freunde an einem fatalen Hang zum Beschützen und Dazwischengehen. Ich beschäftige mich tatsächlich schon lange mit dem Thema, wobei mich das Verhindern von körperlichen Auseinandersetzungen, das Prinzip der Deeskalation, am meisten interessiert. Ich glaube, dass mit der richtigen Einstellung, einem gesunden Selbstvertrauen und einem grundsätzlich positiven Verhältnis zu anderen Menschen fast jeder von uns unabhängig von Geschlecht und Schulterbreite in der Lage ist, fast jeden Kampf zu beenden, noch ehe er begonnen hat. Wenn das aus welchen Gründen auch immer nicht funktioniert, ist es allerdings günstig, ein paar Tricks zu beherrschen, um einen Kampf zu beenden, unmittelbar nachdem er begonnen hat. Und die kann auch so gut wie jeder lernen.

Wie ist das mit der Angst? Ist sie ein schlechter oder guter Ratgeber? Wann sollte man sie überwinden? Und wie?

Angst lähmt, und lästig ist sie sowieso. Das einzig Positive an Angst ist, dass sie sich in einer Gefahrensituation flugs in Furcht oder Panik verwandelt und uns dadurch unmissverständlich die Notwendigkeit signalisiert, das Weite zu suchen. Sie lähmt aber auch oft, und es wäre für uns besser, im Zusammenhang mit wütenden Schlägertypen im Gasthaus, wütenden Chefs am Arbeitsplatz und wütenden Automobilen auf der Straße mehr vulkanische Logik als unkontrollierte Emotionen walten zu lassen. Angst ist ein universeller Menschheitsfeind.

Thomas Glavinic Foto: KURIER/Jeff Mangione

Wer keine Solidarität und kein Mitgefühl mit Schwächeren hat, dem wollen Sie, wie Sie schreiben, nichts erzählen. Sie können sich Ihre Leser aber nicht aussuchen. Nervt Sie das?

Gar nicht. Ich glaube ja an das Gute in uns. Die allermeisten Menschen, so sehr sie sich in ihren Eigenarten von mir unterscheiden mögen, sind schwer in Ordnung, auch wenn es manchmal nicht diesen Anschein haben mag. Uns ist oft der Blick auf die Beweggründe des anderen verstellt, und wir urteilen zu oft zu schnell über Menschen, über die wir zu wenig wissen. Und ein Szenario, in dem brutale Soziopathen mein Buch als Blaupause für Gewaltexzesse gegen ihre Nachbarn missbrauchen, halte ich sowieso für unwahrscheinlich.

Da Sie sich seit Ihrer Jugend mit dem Boxen beschäftigen: Würden Sie dem Befund zustimmen, dass Kanzler Christian Kern ein "Glaskinn" hat?

Kommt darauf an, worauf Sie das beziehen. Aufs Politische? Aufs Menschliche? Zum Politischen kann ich nur sagen, dass ich irgendwann im vergangenen Jahr mein Interesse an dem, was man unter Tagespolitik zusammenfasst, verloren und noch nicht wiedergefunden habe. Und menschlich haben wir alle ein Glaskinn. Wir alle sind verletzlicher, als wir zugeben möchten, und ich halte es für unerlässlich, das auch bei einem Politiker nicht zu vergessen und ihm gegenüber eine gewisse Rücksicht zu bewahren.

Woher rührt Ihr Desinteresse an der Tagespolitik? Weil die alten Parteien Reformen verhindern und nur ihren eigenen Machterhalt im Sinn haben?

Ich weiß nicht. Ich glaube, es liegt daran, dass das konkrete Politikgeschehen so sehr von Destruktivität und schematischem Freund-Feind-Denken geprägt ist. Das ist nicht auf das Parlament beschränkt gemeint, sondern schließt Zeitungsredaktionen wie Stammtische ein: Alle wollen nur etwas oder jemanden verhindern, und Mut zu Ideen sollte man auf gar keinen Fall haben oder ihn zumindest gut tarnen. Das ergibt unterm Strich nun einmal kein großes Kino.

Auch wenn die Tagespolitik Sie anwidert: Wie beurteilen Sie den Wahlkampf? Erleben wir mit den wahnwitzigen Dirty-Campaining-Strategien nicht großes Kino – in der Realität?

Anwidern ist ein zu starkes Wort. Mit so unversöhnlichen Begriffen muss man gerade in der Politik vorsichtig umgehen. Angewidert bin ich allenfalls von einem offen fremdenfeindlichen, unsolidarischen, weisheitsfreien und völlig skrupellosen Politiker wie Donald Trump, und so jemanden gibt es zum Glück bei uns nicht, glaube ich, zumindest hat es sie oder ihn nicht in hohe Positionen oder gar in Regierungsverantwortung gespült. Was die Entwicklungen der letzten Wochen anbelangt, muss man anerkennend feststellen, dass wir tatsächlich einmal in einem österreichischen Wahlkampf internationales Niveau beobachten dürfen, wenngleich es nur große Meisterschaft in Hinterhältigkeit und Bösartigkeit ist, die sich hier offenbart. Als Mensch, der unterhalten werden will, nehme ich solche Facebook-Dramen mit Befriedigung zur Kenntnis. Als Wähler befürchte ich allerdings, der Herr Bundeskanzler und sein Umfeld werden schon gewusst haben, warum sie sich gerade für Herrn Silberstein als Berater entschieden haben, so wie ich befürchte, dass der Herr Außenminister wusste, was er da sagt, als er die Wahl als Volksabstimmung darüber bezeichnete, "ob wir die Silbersteins in Österreich wollen".

Die Angst vor dem Fremden und dem Islam ist in Österreich ziemlich groß. Die Parteien der Mitte sind, um Wählerstimmen zu generieren, daher stark nach rechts gerückt. Sind sie noch glaubwürdig?

Angst ist, wie gesagt, nie ein guter Ratgeber, aber Blauäugigkeit und Naivität ebenso wenig. Ich denke, die Parteien sind nicht aus der Mitte nach rechts, sondern von links in die Mitte gerückt. Im Übrigen ist Glaubwürdigkeit in der Politik sowieso eine vernachlässigbare Kategorie. Ob wir den Parteien trauen oder nicht, spielt keine Rolle: Das Angebot in einer Demokratie ist überschaubar. Das wissen unsere Politiker natürlich, und deswegen liefern sie weiterhin Unschärfe auf Unschärfe, Halbwahrheit auf Halbwahrheit, und manchmal wird auch gelogen. So jemand rechtfertigt sich dann mit einem Augenzwinkern: "Ich flunkere nur ein bisschen, aber schaut einmal: Der andere lügt wie gedruckt." Tja, und wir lachen mit. Wir haben ohnehin keine Alternative, als sie wieder zu wählen, wenn nicht diesen, dann den anderen, und das wissen Politiker nur zu genau. Ich frage mich bloß, was die Tatsache, dass wir Heucheleien und Lügen bei Politikern so schnell vergessen oder verdrängen, über uns selbst aussagt.

Ist die Abschottung, das Grenzen-dicht-Machen, nicht auch eine Art von Selbstverteidigung? Und daher verständlich?

Selbstverteidigung ist nur bei einem unmittelbar bevorstehenden oder bereits erfolgten Angriff eines anderen zulässig. Aber Staatsgrenzen sind Teil einer Ordnung, auf die sich eine Gemeinschaft geeinigt hat, und Grenzbalken sind kein Kennzeichen totalitärer Systeme, sondern schlicht eine traurige Notwendigkeit, wo es zwischen Staaten größere politische Unterschiede und erhebliche ökonomische Ungleichheit gibt. Gegen eine gewisse Vorsicht gegenüber dem Fremden ist nichts einzuwenden, solange sie nicht bloß eine Maske für Rassismus und Xenophobie ist. Wir können nicht jeden, der zu uns kommen will, versorgen, das geht sich schlichtweg nicht aus. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns vor unserer humanitären Verantwortung drücken dürfen. Und Abschottung hat noch keiner Gesellschaft gutgetan.

Sie haben sich in der letzten Zeit sehr zurückgezogen. Ist das Sammeln von Stoff für einen neuen Roman abgeschlossen? Oder gibt es andere Gründe? Hadern Sie vielleicht nur mit der Schlechtigkeit der Welt?

Die Welt kenne ich schon lange genug, um ihr nicht mehr auf den Leim zu gehen, also wird bei mir nicht gehadert. So schlecht ist sie ja nicht. Menschen werden eigentlich nur unangenehm, sobald sie sich zu Gruppen zusammenschließen. Im Gegensatz zur Gesellschaft tut einem Schriftsteller jedoch von Zeit zu Zeit etwas Abschottung sehr gut. Und einem neurotischen Sensibelchen wie mir sowieso.

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