Mörderisches Meisterwerk

Aufgeplusterter Feldherr: Maria Happel beeindruckt als Agamemnon
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER

Kritik: "Die Orestie" in starken Bildern und mit abruptem Schluss im Burgtheater.

20.03.2017, 16:53

Troja, an der Küste Kleinasiens gelegen, fiel nach zehnjähriger Belagerung dank der List des Odysseus. Und bereits am nächsten Tag will Klytaimnestra, die Frau des siegreichen Feldherrn Agamemnon, im fernen Argos davon erfahren haben. Wie das geht? Ihre Gesprächspartner tun so, als ob sie nicht verstanden hätten. Worauf Klytaimnestra mit einer Frage kontert: "Spreche ich nicht deutlich?" Doch, das tut sie.

Aber nicht nur sie: Alle sieben Schauspielerinnen, die in der Regie von Antú Romero Nunes "Die Orestie" von Aischylos im Chor oder einzeln stemmen, bestechen durch klare Artikulation. Sie haben verstanden, was sie sagen. Und sie demonstrieren dies mit kleinen Gesten. Großes Theater also in der Burg.

Auch Klytaimnestra weiß genau, was sie sagt: Die Kunde vom Sieg der Griechen habe sie aufgrund von Feuerzeichen und -signalen erhalten. Ganz so, wie von ihr beschrieben, kann die Übermittlung zwar nicht funktioniert haben. Aber darum geht’s gar nicht. Wichtig ist lediglich, dass Klytaimnestra ihrem Mann einen hinterlistigen Empfang bereiten kann.

Schlagabtausch

Denn dieser hatte einst ihre Lieblingstochter Iphigenie opfern lassen, nun kehrt er mit Kassandra im Schlepptau zurück. Wenn die Eheleute zum Schlagabtausch aufeinandertreffen, erreicht der alles andere denn spröde Abend seinen ersten Höhepunkt. Er begann schon stark, auch wenn das Bühnenbild (von Matthias Koch) ein klein wenig an jenes für Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" vor zwei Jahren erinnert: Die leicht zum Saal hin abfallende Spielfläche verjüngt sich quasi zentralperspektivisch nach hinten.

Ein Knäuel entwirrt sich zu Beginn zu einer Formation aus Wiedergängerinnen: Victoria Behr ließ den zombieartig geschminkten Schauspielerinnen in Dr.-Martens-Stiefeln verwaschene Fetzen auf den Leib schneidern.

Doch im Handumdrehen vermag jede, aus der Masse herauszutreten und zum Individuum zu werden. Auf Plateausohlen wächst zum Beispiel Maria Happel zum Agamemnon mit stolzgeschwelltem Hahnenkamm. Caroline Peters im glitzernden Kleid, grandios zynisch wie hasserfüllt, rollt ihm den purpurnen Teppich aus. Zunächst zögert der aufgeplusterte Feldherr, der bei jeder Bewegung Staub freisetzt, aber dann stürzt er in sein Verderben.

Schwarzes Blut

Auch Kassandra muss dran glauben, und Klytaimnestra rühmt sich eiskalt ihres "Meisterwerks": Schwarzes Blut rinnt zäh zur Rampe. Viele werden darin waten – und es wird noch oft stauben. Denn, wie es gegen Schluss heißt: "Und hat der Staub einmal das schwarze Blut der Bürger getrunken, so fordert er in rasender Rachsucht – Mord für Mord – Vergeltung."

In dieser abstrakt gehaltenen Klassik-Soap rächt Orestes den Mord: Er bringt seine Mutter und deren neuen Partner um. Es regnet lang, die Rachegöttinnen wuseln herum, Thomas Kürstner und Sebastian Vogel sorgen für düstere Synthi-Musik. Doch ...

Doch im Gegensatz zu Aenne Schwarz als bedauernswerter Orestes und Andrea Wenzl als verzweifelte Kassandra bleiben Barbara Petritsch (Aigisthos) und Sarah Viktoria Frick (Elektra) eher blass. Zudem misstraut Nunes der Kraft des Textes wie seiner präzisen Inszenierung: Der letzte Teil der Trilogie wurde gnadenlos zur bloßen Verkündigung einer rotzigen Pallas Athene im voller Montur (Irina Sulaver) zusammengestrichen. Schade.

In der zweiten Hälfte – der gesamte Abend dauert nur knapp mehr als zwei Stunden – wäre deutlich mehr möglich gewesen.

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