Meyerhoff: "Gelandet in einer permanenten Apokalypse "

Kurier/Juerg Christandl
Foto: Kurier/Juerg Christandl
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Der Schauspieler Joachim Meyerhoff über sein Buch "Die Zweisamkeit der Einzelgänger", das er am Dienstag im Burgtheater präsentiert, und seine Rolle als Thomas Stockmann in Henrik Ibsens "Ein Volksfeind".

13.11.2017, 12:55

KURIER: Der letzte Teil Ihrer autobiografisch unterfütterten Tetralogie lautet "Die Zweisamkeit der Einzelgänger". Sind Sie ein Einzelgänger?

Joachim Meyerhoff: Genau so einer, wie der Titel andeutet. Jemand, der um Zweisamkeit ringt, aber auch von einer bestimmten Einsamkeit gebannt ist. Das hat vielleicht etwas mit meinem Beruf zu tun. Im Theater gibt es viel sozialen Kontakt; aber ein Stückweit brauchen Schauspieler Raum für sich. Ich mag den Titel – wegen diesem Spannungsverhältnis.

In den Grundzügen kennt man das Buch, wie auch die vorigen, von Ihren sechs Theaterabenden "Alle Toten fliegen hoch".

Aber die Figuren sind erst im Roman wirklich in einer Vielschichtigkeit entstanden. Und was auf der Bühne nicht in der Dimension vorhanden war: Der junge Schauspieler erlebt am Theater eine Desillusionierung. Die Vehemenz der Sehnsucht, die dem Theater gegolten hat, überträgt sich daher auf Frauen in seinem Leben.

Hatte die Desillusionierung nicht schon davor, während der Schauspielschule, eingesetzt?

Na gut, aber sie ist eine ganz andere als die, die man dann im Beruf erlebt. Zunächst konnte man hoffen, dass die Ausbildung nur ein notwendiges Übel ist – und die Praxis dann die Erlösung. Aber die Praxis hat nur das weitergeführt, was sich davor angekündigt hatte.

Ist nur der Theaterbetrieb in Bielefeld oder Dortmund desillusionierend? Oder ernüchtert auch das Burgtheater?

Auch am Burgtheater gibt es desillusionierende Momente. Aber es gibt eine Basis an Qualität und Kollegen, die einen stützen. Das war in Bielefeld und Kassel und Dortmund und Ulm nicht der Fall. Da ist man wirklich in einer permanenten Apokalypse gelandet. Man konnte von den eigenen Ansprüchen auf der Bühne nichts auch nur zipfelweise sehen. Man lebte in einer völligen Diskrepanz zwischen den Sehnsüchten und den Möglichkeiten.

Dass Wien nicht so schlimm ist: Hängt das auch damit zusammen, dass Sie etliche Einzelgänger-Projekte realisieren konnten? Eben ab 2007 "Alle Toten fliegen hoch", danach "Robinson Crusoe" mit Ignaz Kirchner als Freitag oder zuletzt den Wahnsinnsmonolog "Die Welt im Rücken" von Thomas Melle?

Ja, das hat schon damit zu tun. Nach der Melle-Premiere war ich doch erstaunt: Ich schreibe allein Bücher – und jetzt stehe ich auch drei Stunden allein auf der Bühne. Obwohl: Die Dramatisierung war nicht als Einzelgängerprojekt gedacht, eigentlich sollte wieder Ignaz Kirchner mit dabei sein. Aber es stimmt: An diesem Haus sind große Einzelgängersachen möglich – und mir macht das sehr viel Freude. Denn wenn man allein einen Abend verwaltet, kommt man zu sehr intensiven Erfahrungen mit dem Publikum.

Die Sehnsucht nach Einzelgängerprojekten haben Sie auch in Ihren Büchern beschrieben.

Das stimmt. Wenn ich mir die Reihe so angucke: "Werther", "Die Ratte", "Robinson Crusoe", "Die Welt im Rücken" und dazwischen zwei, drei weitere Soloprojekte: Es gab immer wieder den Versuch, mit dem Theater direkt und auch physisch in Konfrontation zu treten.

Das untergeordnete Spiel im Ensemble ist nicht so das Ihre.

Große Ensembleszenen – etwa in "Professor Bernhardi" – find’ ich herrlich.

Es gibt die Diskussionen im Ärzte-Kollegium; Bernhardi steht aber eindeutig im Zentrum.

Dagegen hab ich auch nichts. Es wäre absurd, wenn ich sagte, das wäre mir unrecht. Ja, natürlich, ich gestalte schon gerne diese großen Figuren – und bin gerne mit ihnen überfordert.

Überfordert?

Ja, ich bin schon jemand, der versucht, aus einer Überforderung – aufgrund meiner Ansprüche – eine Umsetzung herauszuarbeiten. Die Überforderung ist keine, die mich lähmt. Aber auch keine, die ich ignorieren kann. Wenn ich zum Beispiel, wie passiert, Othello probe: Dann gibt es keinen Tag, an dem ich nicht Herrn Voss spüre. Ich fand die Inszenierung mit ihm atemberaubend. Da denkt man: Wie kommt man dahin? Und dann muss man es auch aushalten, wenn man es vielleicht nicht schafft. Das Wort Überforderung war schon mit Recht gewählt.

Weil Sie Gert Voss erwähnen: Wie war das 2009 bei "Faust"? Voss hat sich verletzt …

Allein diese Verletzung sagte so viel über die Obsession von Gert Voss. Wie kann man sich nach 40 Jahren Bühnenerfahrung an einem Kasten festzuhalten, der fünf Meter in die Höhe fährt, und erst dann loslassen? Er war manisch.

Und Sie sprangen ein – mit Ihrer schlangenartigen Mephisto-Interpretation aus Hamburg.

Ich hatte den Mephisto etwa 80 Mal gespielt – mit Edgar Selge als Faust. Es war eine Implantierung. Aber sie hatte einen positiven Effekt. Denn so wie Mephisto in eine vorgegebene Welt kommt, kam ich in eine fertige Hartmann-Inszenierung. Das Ganze wirbelte schön durcheinander, alle staunten. Voss hat mir danach gratuliert – und mich gefragt, ob er das eine oder andere übernehmen dürfe. Ich fühlte mich geehrt.

War das eine Thronübergabe?

Nein. Da unterschätzen Sie uns Schauspieler in unserer Wertschätzung füreinander. Ich hätte mich niemals in der Position gesehen, Gert Voss ablösen zu wollen. Wir haben danach, 2013, gemeinsam "Tartuffe" von Molière gespielt.

Der Titelheld waren Sie. Sind Sie in seine Fußstapfen getreten?

Sie kriegen mich sicher nicht dazu, das zu bestätigen. Es gibt viele einzigartige Schauspieler an diesem Haus. Voss wäre nicht Voss geworden ohne seine Mitspieler. Und ähnliches gilt für mich. Siehe "Professor Bernhardi" – mit Roland Koch, Caroline Peters, Niki Ofczarek, Martin Schwab. Wo sonst haben Sie ein solches Ensemble? Natürlich, das klingt jetzt, als hätte man das vom Sport gelernt: "Wir müssen als Team auftreten!" Aber in meiner Generation gibt es ein hohes Bewusstsein dafür, dass Theater nur im Ensemble funktioniert.

Demnächst, ab 18. November, spielen Sie wieder einen Arzt – in Ibsens "Ein Volksfeind". Thomas Stockmann und Professor Bernhardi scheinen sich charakterlich ähnlich: Beide beharren auf ihren Grundsätzen.

Ja, die Wesensverwandtschaft liegt auf der Hand. Aber sie bewohnen – von den Inszenierungen her – diametral auseinanderliegende Welten. Regisseur Dieter Giesing kommt vom Wort; das "Bernhardi"-Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann war darauf bedacht, dass die Figuren vorne an der Rampe sind. Jette Steckel hingegen, fast ein halbes Jahrhundert jünger, hat eine viel visuellere Herangehensweise. Sie versucht, das Stück in Bilder zu fassen. Für sie wäre ein Stuhl auf der Bühne in einem Ibsen-Stück schon ein Zeichen für Mutlosigkeit. Was mich an Stockmann interessiert: Wie unbeugsam jemand sein kann. Schnitzler hat eine gewisse Geschmeidigkeit, es gibt Regieanweisungen wie "er schmunzelt". Bernhardi reflektiert also das Geschehen. Stockmann hingegen ist viel verbohrter, viel schmaler in seinen Möglichkeiten.

Erinnert er mit seiner Rede vor der Volksversammlung nicht an den "Wutbürger" der Jetztzeit?

Er redet zum Teil abenteuerliches Zeug – etwa über Eliten. Ein Pudel, der über Generationen veredelt worden ist, werde immer lernbereit sein, ein Straßenköter hingegen nie etwas Neues lernen können. Solche Sätze irritieren mich, sie machen Stockmann zu einer sehr ambivalenten Figur. Insofern gibt es viele Bezüge zum Heute. Aber ich finde immer, dass die Deutlichkeit nicht überhand nehmen darf. Und habe mich geweigert, die Rede in den Zuschauerraum zu halten – wie es normalerweise gemacht wird. Denn wenn Stockmann sagt, dass in der Gesellschaft was falsch läuft, können alle nicken. Ich aber finde Theater langweilig, wenn es eine Verbrüderung mit dem Publikum gibt.

Und daher?

Will ich nicht verraten. Wird ein Hammer!

Sie spielen viel. Wann finden Sie denn Zeit zum Schreiben?

Das frag’ ich mich auch. Wenn ein Buch fertig ist, wundere ich mich jedes Mal, wie das gelungen ist – neben dem Spielen und meinen drei Kindern. Das Schreiben saugt mich ein, und ich schreibe dann, als wäre ich Jonas im Wal. Dann verschwindet die Welt. Und irgendwann spuckt mich der Wal wieder auf die Burg-Bühne. So geht es hin und her. Ich träume immer davon, ganz viel Zeit zum Schreiben zu haben. Aber dann würde mir wohl nichts einfallen.

Hinzu kommt ja noch, dass Sie auch in Hamburg spielen.

Ja. Ich mache als nächstes "Der Kaufmann von Venedig", Premiere ist im Januar.

Auch Voss spielte ihn.

Eine große Vorgabe.

War "Alle Toten fliegen hoch" schon von Anfang an als sechsteiliges Projekt geplant?

Ja, das war eine Anmaßung. Ich war mit mir als Schauspieler nicht mehr glücklich – und brauchte ein Projekt. Und dann hab ich dieses größenwahnsinnige Exposé verfasst. Klaus Bachler, damals Burgtheaterdirektor, sagte: "Wir hoffen, dass der Schauspieler dem Schriftsteller auf die Sprünge hilft." Ich habe nie darüber gesprochen, dass ich vorhabe, sechs Abende zu gestalten. Eben weil ich das eine derartige Hybris fand. Die Idee der Bücher gab es anfangs nicht. Und ich weiß nicht, ob ich, wenn mir das erste Buch, "Amerika", um die Ohren gehauen worden wäre, aus einer inneren Stärke heraus weitergeschrieben hätte.

Kiepenheuer & Witsch wirbt mit "Über 1,3 Millionen verkaufte Exemplare". Bringt Sie die Erwartungshaltung, dass auch das neue Buch ein Bestseller werden muss, unter Druck?

Beim Schreiben des dritten Bandes, "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke", gab es eine Phase, da hatte ich das Gefühl, dass der Text viel besser sein müsste, ich aber es nicht kann. Doch dann überwiegt Gott sei Dank die Skrupellosigkeit der Freude am Schreiben.

Die Jugendjahre sind nun abgeschlossen. Werden Sie trotzdem weiterschreiben?

Ich weiß es noch nicht. Der Schauspieler ist jetzt, am Ende des Buches, Ende 20. Er hat gekündigt und die beiden Frauen, die er liebt, verloren. Er hat eine Brille, ihm ist ein Zahn ausgefallen. Und er ist noch immer in der Provinz. Er steht also an einem Wendepunkt. Und ich habe einen Abschnitt in meiner Biografie erreicht, über den ich nicht schreiben möchte.

Denn nun geht es bergauf: Hamburg, dann das Burgtheater.

Und es kommen meine drei Kinder zur Welt. Über sie zu schreiben liegt völlig außerhalb meiner Möglichkeiten. Sie sind mir anvertraut. Ich bin kein Karl Ove Knausgård, das könnte ich nicht. Aber vielleicht bin ich jetzt, nach diesem vierten Buch, mit der Sprache des angeblich authentischen Erzählens so vertraut, dass ich mit ihr frei erfundene Figuren beseelen kann. Vielleicht könnte ich bei dieser Gabelung jeden Weg einschlagen. Und eine Parallelwelt betreten. Also – vielleicht komme ich nun wirklich in der Literatur an.

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