Manker:  "Männer haben 2000 Jahre die Welt verpestet"

Manker mit einer Puppe aus "Alma"
Foto: KURIER/Jeff Mangione

Der Theatermacher Paulus Manker über seinen 60er, ein Mammutprojekt und die aktuelle Politik.

14.01.2018, 06:00

KURIER: Sie werden am 25. Jänner 60. Manche Menschen werden in diesem Alter erwachsen, viele sind schon seit Jahren in Pension. Was bedeutet Ihnen dieser Geburtstag?

Paulus Manker: In Wahrheit fängt’s ja schon mit 50 an, oarsch zu werden. Jetzt, mit 60, ist es aber in meinem Beruf zum Glück nicht so, dass alles zusammenbricht, weil man nicht mehr täglich ins Büro geht. Aber man wird schon ein bissl milder, was mich sehr stört, weil es einem den Ruf ruiniert. Auf Dauer unausstehlich und gefürchtet zu bleiben, ist anstrengend.

Was wünschen Sie sich künstlerisch zum Geburtstag?

Ich wünsche mir etwas und erfülle es mir gleichzeitig: Das Großprojekt "Die letzten Tage der Menschheit". Das bereite ich schon seit drei Jahren vor, nun kommt es am 13. Juli endlich heraus. Ein Mammutunternehmen, das alle Maßstäbe sprengt, für ein Mammutwerk an einem Mammutort, mit einem Großaufgebot an Schauspielern, Dekorationen und Schauplätzen. In Wiener Neustadt, wo wir seit drei Jahren auch die "Alma" spielen. In einer ehemaligen Waffenfabrik, die noch dazu Serbenhalle heißt, weil Hitler sie im Zweiten Weltkrieg in Serbien erbeutet hat. Dort ein Stück über den Ersten Weltkrieg, der ja bekanntlich mit einem Feldzug gegen Serbien begonnen hat – das ist natürlich fantastisch.

Das Stück von Karl Kraus wurde zwar mehrfach in Auszügen aufgeführt, gilt aber als unaufführbar. Wie werden Sie sich diesen "Letzten Tagen" nähern?

Es gibt 220 Szenen und 800 Figuren. Wir werden 50 Schauspieler dafür haben, 20 Schauplätze, eine originale Dampflokomotive – etwa zwei Drittel der Szenen werden wir aufführen können. Wir fangen um 18 Uhr an und spielen bis 2 Uhr früh. Aber anders als bei "Alma" werden wir Szenen wiederholen, sodass die Leute alles sehen können. Und den ganzen Abend gibt’s serbisches Essen fürs Publikum, nur Speisen vom Balkan, also vom Kriegsgegner, weil man natürlich Hunger kriegt bei so einem Theater-Marathon: Sarma, serbisches Reisfleisch, Ćevapčići. Und wir werden den Besuchern einen Leitfaden in die Hand geben, jeder Schauplatz hat einen QR-Code, diese quadratischen Strichcodes, die man mit dem Handy lesen kann. Dann erscheint auf dem Display, worum es sich handelt: Hintergründe zu den Szenen, historische Fotos etc. Das gab’s noch nie im Theater.

Paulus Manker akzeptiert Besucher mit Handys?

In dem Fall schon, da ist es Teil des dramaturgischen Konzepts. Es ist ja ein sehr ungewöhnliches Stück, es hat weder eine geschlossene Handlung noch einen Helden, es hat keine Entwicklung und keine Lösung. Es besteht aus wild collagiertem historischen Material. Ein Doku-Drama. Stringent ist nur, dass es von Kriegsbeginn bis Kriegsende geht, also viereinhalb Jahre.

Sie führen Regie. Spielen Sie auch mit?

Natürlich spiele ich mit! Den Kaiser Franz Joseph, den Kraus "eine sechzigjährige Gehirn- und Charaktererweichung" genannt hat. Kraus hat das Stück schon während des Weltkriegs begonnen, Einzelteile bereits in der Fackel veröffentlicht. Damals wussten die Menschen noch über den ganzen Background Bescheid. Wer ist dieser General, dieser Offizier? Aber es ist ja kein Stück, das an der Front spielt, sondern im Hinterland, in den Redaktionen, den Amtsstuben, den Kaffeehäusern. Moriz Benedikt, den Herausgeber der Neuen Freien Presse, kannte damals jedes Kind. Das ist so, als würde man heute sagen: der Fellner, und Sie werden sofort verstehen. Und auch die damalige Adabei-Gesellschaft, wie die Mausi Lugner, die Jeannine Schiller oder der Gery Keszler, die Society-Lemuren, kommen vor. Man muss also schauen, dass man diesen Humor und diese Schärfe in das Stück hineinbekommt. Das Vergnügen des "Bescheid-Wissens" ist sehr entscheidend.

Es geht in diesem Stück ja auch stark um Medienkritik. Ebenfalls ein aktuelles Thema.

Paulus Manker Foto: KURIER/Jeff Mangione Und wie. Schon damals gab es "Fake News". Man hat 1914 einen Angriff serbischer Soldaten auf österreichische Truppen einfach erfunden, nur um den Kaiser zum Unterzeichnen der Kriegserklärung zu bewegen. Und auch als Antikriegsstück ist es immer natürlich gültig. Allein dieser Schwanzvergleich zwischen Trump und Kim Jong-un in Nordkorea erinnert mich frappant an die "Letzten Tage". Wer hat den längeren? Wer kann am längsten? Und plötzlich kracht’s – und alle wundern sich.

1964 wurde eine Aufführung des Stückes im Burgtheater vom damaligen Unterrichtsminister Heinrich Drimmel verboten – wegen zu expliziter Kritik am Militär. Das führt uns auch zur aktuellen Politik. Wie sehen Sie die jetzige Regierung, nicht nur in Hinblick auf Kulturpolitik?

Da gibt’s ja noch nichts groß zu beurteilen, geschweige denn politische Taten. Da muss man abwarten, diese Regierung einmal machen lassen. Vielleicht stellt sich das alles als viel toller heraus, als wir alle befürchtet haben. Schrecklich ist momentan nur die SPÖ, die wie eine verschmähte Geliebte in der Ecke sitzt und schmollt – die SPÖ hätte sich ja wirklich mit jedem ins Bett gelegt, nur um an der Macht bleiben zu können.

Die Regierungsbeteiligung der FPÖ stört Sie nicht?

Ich fand es einen Fehler, dass Van der Bellen auf seine No-Go-Liste, auf der Vilimsky und Gudenus drauf waren, nicht auch den Kickl draufgesetzt hat. Mich schockt, dass das Innenministerium in den Händen dieses Hardliners liegt. Das ist nicht gut für die politische Psychohygiene. Mich stört aber noch viel mehr, dass der HC Strache ununterbrochen zu kleine Sakkos an hat. Okay, er ist ein bissl dicker geworden. Aber hat er nicht jemanden, der ihm sagt: Kannst du das Sakko nicht zwei Nummern größer kaufen, weil das schaut erbärmlich aus? Neben diesem Dressman, den wir jetzt als Kanzler haben, schaut der Strache natürlich aus wie eine schläfrige Bulldogge. Er ist eben nicht mehr ganz frisch, ermüdet, weil am Ziel seiner Wünsche. Man hat auch das Gefühl, es freut ihn nicht wirklich. Das ist ja das alte Problem: Wenn man aus der Opposition plötzlich in die Regierung kommt, ist der Impetus des Dagegenseins dahin. Das ist, wie wenn Sie einem Regisseur aus einem Kellertheater plötzlich die Burgtheaterbühne anbieten: Hic Rhodus, hic salta! Zeig’ jetzt, was du kannst. Da hakt’s dann meistens.

Wie erklären Sie sich die Zurückhaltung der Künstlerschaft im Vergleich zu Schwarz-Blau I?

Damals kamen ja offensichtliche Schwerverbrecher an die Macht. Sieht man ja jetzt täglich. Haider säße heute im Knast.

Ist das besser jetzt mit den Burschenschaftern?

Das sind ja keine Straftäter, das sind nur Moralhundlinge. Natürlich, der Kickl und die Schmeißfliegen um ihn herum, das stört mich entsetzlich. Dass jetzt im Innenministerium einer am Knopf sitzt, der das schlechte Benehmen in der Politik erfunden hat, ist beängstigend. Da sehe ich schon die Wasserwerfer.

Knapp nach Ihren Geburtstag wird nicht nur in Niederösterreich gewählt, auch die Wiener SPÖ entscheidet über Michael Häupls Nachfolge. Wie sehen Sie die Zukunft in Wien?

Kern hätte für den Wiener Bürgermeister kandidieren sollen, das wäre klug gewesen. Aber ich kenne meine Wiener: Wien ist und bleibt rot, bis in die Socken. Es ist aber leider schon seit vielen Jahren so, dass sich kulturpolitisch nichts tut in dieser Stadt, weil ein Dillo Kulturstadtrat ist. Ich kenne aber Herrn Blümel nicht, ich habe nur gelesen: Weniger Gießkannenprinzip. Soll mir recht sein. In Niederösterreich war Erwin Pröll als oberster Kulturmann ein Mann mit Handschlagqualitäten. Dessen aufgeklärter Absolutismus hat mir gut gefallen. Da wurde wenigstens nicht lang herumgeschissen. Bei Frau Mikl-Leitner hingegen kann ich gar keine Qualitäten erkennen.

Nach "Die letzten Tage der Menschheit" spielen Sie in Wiener Neustadt auch "Alma", sogar mit einem Jubiläum.

Am 25. August findet die 500. Vorstellung statt, ja. Das ist Weltrekord. 23 Jahre gibt es die Produktion jetzt schon. Deshalb erscheint im Verlag Lammerhuber auch ein großes Buch über Alma mit all dem Kostbaren, das sich über all die Jahre bei mir angesammelt hat. Da sind natürlich auch eine Menge Schweinereien dabei. Aber ich möchte ein Leben, das sich dermaßen über Sexualität definiert hat, auch als solches darstellen. Von Alma gibt’s ja den Ausspruch: "Nix schmeckt besser als das Sperma von einem Genie." Das finde ich als Basis für ein Buch sehr prickelnd.

Haben Sie in Folge noch weitere Pläne mit "Alma"?

Schön wäre eine Aufführung zum 25-Jahr-Jubiläum 2020 in New York. Das ist der letzte große Ort in Almas Biografie, der uns als Aufführungsort noch fehlt.

Kein Thema hat die Schauspiel-Szene zuletzt so stark beherrscht wie die #MeToo-Debatte. Wie stehen Sie dazu?

Meiner Ansicht nach ist das die größte gesellschaftspolitische Initiative seit der 68er-Generation. Dass Männer Frauen schlecht behandeln, das wusste man. Aber dass es derartige Kreise, bis ins britische Parlament, in die klassische Musikszene, ins EU-Parlament, zieht, ist schon erschreckend. Es ist toll, was das ausgelöst hat, weil gewisse Dinge ab jetzt einfach nicht mehr möglich sein werden.

Warum ist das gerade in der Filmszene so verbreitet?

Ich habe auch schon Vorsprechen in Hotelzimmern gemacht, das würde ich heute nicht mehr tun. Ich bin aber nie im Bademantel erschienen. Ich habe auch nicht in die Zimmerpalme onaniert wie Harvey Weinstein. Männer haben die letzten 2000 Jahre die Welt verpestet. Ich finde, jetzt kommen endlich mal die Frauen dran, das ist das Gebot der Stunde.

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