"Geächtet"-Autor Akhtar: "Das System ist zusammengebrochen"

Ayad Akhtar im Interview am 13.11.2017 in Wien. Für sein am Burgstheater aufgeführtes Stück "Geächtet" wurde der US-amerikanische Autor mit pakistanischen Wurzeln im Rahmen der Nestroy-Gala 2017 mit dem Autorenpreis ausgezeichnet.
Foto: Kurier/Juerg Christandl

Der amerikanische Autor Ayad Akhtar ("Geächtet") über Islam, Trump, TV-Serien und Literatur.

14.11.2017, 06:00

Mit "Geächtet" hat Ayad Akhtar das Stück des zeitgeschichtlichen Moments geschrieben: Amir, wie Akhtar ein Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, rechnet im Rahmen einer eskalierenden Dinnerparty mit dem Unzeitgemäßen im Islam und dem Selbstbild vieler Muslime ab.

Im KURIER-Interview spricht der Pulitzerpreisträger über die Entwicklungen in Amerika, Europa und der muslimischen Welt. Beim heurigen "Nestroy" wurde ihm für "Geächtet" der Autorenpreis zugesprochen.

KURIER: Es ist fünf Jahre her, dass "Geächtet" erstmals auf die Bühne kam. Ein gerade für das Selbstbild und das Image vieler Muslime recht ereignisreiches halbes Jahrzehnt. Liebäugeln Sie mit einem Update?

Ayad Akhtar:(lacht) Nein! Denn das Stück wusste Dinge, die ich nicht wusste. Es wurde in diesen fünf Jahren nur relevanter.

Heute ist eine emotionslose Debatte über Islam und muslimische Identität schwieriger als vor fünf Jahren. Wäre es heute problematischer, "Geächtet" zu schreiben?

Das Stück führt genau das auf, was im Publikum passiert, was draußen überall passiert. Den Aufschwung der Rechten in Europa, den wir jetzt beobachten, der geht nicht so schnell wieder weg. Die Welt hat ihr eigenes Leben, und als Autor schreibt man nicht über das Tagesgeschehen, sondern über etwas, das größer ist. Und das ist länger gültig.

Trotzdem wüsste man gerne, was Amir, die Hauptfigur von "Geächtet", etwa über Trumps Einreisebeschränkungen für Muslime zu sagen hätte.

Das steht schon im Stück. Er sagt, dass er Argwohn hegt und dass er es anderen nicht vorwirft, wenn diese auch Argwohn hegen. Die Welt muss dieses Stück noch einholen. Es wusste, wo das alles hingeht, es schrieb sich selbst in die Zukunft.

Wie ist das für den Autor?

Eigenartig! (lacht) Alle Stücke, die ich geschrieben habe, stehen in einem aktiven Dialog mit ihrer Zeit. "The Who and the What", das kommendes Jahr im Akademietheater zu sehen sein wird, hat sein richtiges Publikum noch gar nicht gefunden. Denn dieses Publikum wäre die junge muslimische Welt. Aber dort werden meine Stücke nicht produziert, weil sie zu kontroversiell sind. Aber es wird die Zeit kommen, wenn das Stück sein richtiges Publikum findet. Vielleicht in fünf Jahren.

So bald?

Die einzige Art, auf die das Stück zu seinem Publikum kommen wird, ist, wenn es dort eine sinnvolle Hinterfragung der dominierenden Ideologien gibt. Damit meine ich nicht die politischen, sondern die sozialen und religiösen. Wenn eine junge Generation aufsteht und das tut, dann wird mein Stück sein Publikum haben. Es passiert jetzt schon, aber nicht in einem Ausmaß, dass man das Stück etwa in Kairo aufführen könnte. Das gäbe mächtigen Ärger.

Aber in diesem Machtkampf zwischen der alten, konservativen Garde und den moderneren Jungen scheint es immer wieder Rückschläge zu geben. Das sieht nicht nach einem baldigen Ende aus.

Das mag eigenartig klingen, aber auch im Westen gibt es so einen Machtkampf. Es gibt hier eine Machtstruktur, die verheiratet ist mit der Ideologie des freien Marktes – zumindest in Amerika, weniger hier in Österreich. Aber die Jüngeren sehen, dass der freie Markt in seiner dogmatischen Form eigentlich zerstörerisch ist. Wie lange wird dieser Prozess der Veränderung dauern? Die Mächtigen werden auch hier nicht gleich klein beigeben.

Der freie Markt hat uns jüngst Facebook und Twitter gegeben; beides nicht sehr förderlich für die Demokratie.

Demokratie ist ohne Bildung nicht sinnvoll. Wenn sie keine durchdachte Antwort kennt, ist die Stimme des Volkes nicht sinnvoll. Dann kann sie sehr leicht manipuliert werden. Der Kapitalismus hat uns genau dafür die Instrumente gegeben.

Mit dem Resultat Donald Trump?

Ich denke nicht, dass Trump ein neues Phänomen ist. Er ist nur die jüngste und die extremste Version von etwas, das schon sehr lange mit Amerika passiert.

Und was wäre das?

Es gibt eine grundlegende Veränderung, die mit Geld zu tun hat. In den Staaten war Geld immer ein eigener Wert. Aber jetzt ist es der einzige. Und deswegen ist das politische System zusammengebrochen. Es gibt keine konkurrierende Ideologie, keine sinnvolle Definition dessen, was gemeinschaftliches Wohlergehen sein könnte. Und das individuelle Wohlergehen wird vom Geld bestimmt. Trump verkörpert all dies, auf vielfältige Art.

Sind die demokratischen Institutionen in Amerika stark genug, um das auszuhalten?

Die Frage ist eher, ob wir in eine Phase der Krise eintreten, die unsere Demokratie nachhaltig verändert. Natürlich können die Menschen wählen. Aber um im politischen Prozess in Amerika wirklich eine Veränderung hervorrufen zu können, muss man Geld haben. Zu wählen hat in Amerika keine wirkliche Bedeutung mehr.

Woran arbeiten Sie jetzt?

An einer TV-Serie über den Aufstieg des Kapitalismus in Hollywood.

Fernsehen scheint ja das neue narrative Medium zu sein – das, was früher das Buch war.

Es finden da wunderbare Sachen statt. Aber die jüngeren Generationen lesen fast nichts mehr, sie leben in einer visuellen Kultur. Was mich beunruhigt ist: Das tiefe Nachdenken, kritisches Denken, langsames Verarbeiten sind zutiefst literarische Werte. Ich weiß nicht, ob eine visuelle Kultur ähnliche Erlebnisse liefern kann.

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