"Fortuna" von Franz Schuh: Ein Glück, dass er schreibt

Franz Schuh
Foto: APA/EPA/MAXIME SCHMID

Gespräch mit Franz Schuh über den Zirkus in und um "Fortuna"

16.02.2017, 06:00

Franz Schuh schreibt über das Glück.

Und beginnt sein Buch "Fortuna" mit dem Gedicht eines glücklichen Kindes, "Liebkind" heißt es, ein so gesundes, ein so gesund machendes Gedicht, dass es – mit Genehmigung des Zsolnay Verlags – Freude bereitet, es hier abzudrucken:

In meinem Körper

bin ich die Nummer 1.

Dieses biologische Bündel,

das bin ich

und aus dem ich auch

hervorschaue.

Aber schaut mir

die Mama ins Gesicht,

sieht sie den Papa,

und schaut mir

der Papa ins Gesicht,

sieht er die Mama.

Und alle beide sehen

die Nummer 1.

Schreibt der Philosoph und Essayist (und, muss man jetzt sagen, Lyriker) über das Glück, so ist das ein "intellektueller Zirkus".

Lotte Tobisch kommt vor, Oliver Hardy, Fettsucht, Quantenteleportation, ein alter grüner Koffer – und der Hausbesorger in der Reuenthalgasse im 15. Wiener Bezirk, ein blutiger Autokrat, in seiner Machtvollkommenheit ein Teufel ...

Franz Schuh: ... der Hausmeister Rochus! Schon der Name macht Freude. Das Glück, heißt es, sei ein Kinderwunsch, und dass ich dabei war, als Rochus, ein Wesen aus einer anderen Epoche, uns Kinder – die wir die Zukunft waren – zu beaufsichtigen, hilft mir, meine Kindheit zu bejahen.

KURIER: Geben Sie’s zu, Sie haben doch keine Ahnung, was Glück ist ...

Na ja. Ich weiß einerseits genauso viel – das ist nicht wenig! – und genauso wenig wie die meisten Menschen, was Glück ist. Glück gehört zu den Großbegriffen, die man – zum Glück – in erledigenden Definitionen nicht fassen kann.

Man kann es nachzeichnen, was es bedeutet.

Ja, aus vielen Zusammenhängen, Entwürfen, Gedankenspielen, Versuchen und Erfahrungen. Das Glück ist in einem System benennbar, aber nicht mit einem Satz definierbar. Dann kommen auch Unterscheidungen heraus, wie zum Beispiel "das Zufallsglück." Zum Glück ist das Glück pluralistisch, gäbe es EIN Glück, dann, so muss man es mit dem Philosophen Blumenberg sagen, würden sich alle Menschen auf einmal darum anstellen. Die Schlange würde bis weit in den KURIER reichen ... Und das Glück, das Menschen einander versprechen, ist natürlich auch und oft genug nur ein Schmäh.

Sie schreiben über Alzheimer, über ihre verkrüppelte rechte große Zehe, eine Nebenhöhlenentzündung, übers Sterben ... das soll Fortuna sein?

Der Eindruck, dass Glück immer nur auf Unglück verweist, entsteht erstens durch eine lange Tradition, in der das Elend der Menschen im Fokus steht und das einzige Glück nur in der Schmerzvermeidung gesehen wird. Der zweite Grund für diesen Eindruck kommt daher, dass es leichter erscheint, Einigung darüber zu erzielen, was das Unglück ist, während man übers Glück jeweils anders denkt.

Es geht also nur auf diesem Weg?

Nein, das Unglück muss nicht bei jeder Bemühung, das Glück zu fassen, mitspielen, auch wenn das vermiedene oder das beendete Unglück, etwa nach einem Aufenthalt im AKH, sicher ein Glück ist.

Wie glücklich sind Sie?

Ich habe kein Talent, mich unter der Perspektive zu sehen, wie glücklich oder unglücklich ich bin. Am Glück fesselt mich die Frage, wie vieles, das gar nicht mit dem Glück zusammenhängt, bedacht werden muss, um Glücksbegriffe zu entwerfen. Wer einen Glücksbegriff entwirft, hat (willkürlich oder unwillkürlich) auch ein Gedankenkonzept, das das Glück (und sein Glück) transzendiert. Mich interessiert das Gedankenkonzept mehr als das, was dabei für das Glück herauskommt.

Ein Beispiel?

Hm, Hegel – Philosophie der Geschichte. Dort erscheint "die Geschichte als diese Schlachtbank ... , auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht" wurde. "Die Weltgeschichte", so heißt es lakonisch zusammenfassend, "ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr." Das ist ein heroisch-tragisches Gedankenkonzept. Aristoteles, der das Glück in Zusammenhang mit der Tugend sieht, wäre auf so eine bitter-realistische Idee nicht gekommen. Er kannte keine Weltgeschichte, und wer sie kennt, denkt übers Glück anders als er – nämlich weniger ethisch, sondern vor allem politisch.

Im Buch stehen einige schöne Beispiele, wie das Glück beschrieben wurde. Gefällt Ihnen eine Beschreibung besonders?

Sehr handfest kann man das Glück an einem Extrem seines Erscheinens beschreiben, also auch wieder an einem Verhältnis, an einer Konstellation: Auf der einen Seite das alltägliche, vollkommen entdramatisierte Glück – bei Clemens J. Setz, bei dem die Hauptfigur eines Romans Glück empfindet, wenn sie am Morgen die Pinguine begrüßt, die auf einem Plakat in Reih und Glied Aufstellung genommen haben. Andererseits das totale, aber ruinöse Glück, das den Idioten bei Dostojewski erfasst – das totale Glücksmoment in der Sekunde vor dem epileptischen Anfall!

***

Franz Schuh wird am 15. März 70. Er sagt, tagaus, tagein könnte er Udo Jürgens’ "Merci Chérie" singen – wegen der Zeile: "Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient." Es wäre logisch, würde es bei ihm jetzt mit dem Siegen losgehen.Dass er singen KÖNNTE, aber schreiben KANN, ist ein Glück. "Fortuna" liegt spätestens am Montag in den Buchhandlungen.


Franz Schuh:
„Fortuna“
Aus dem Magazin des Glücks.
Zsolnay Verlag. 254 Seiten. 22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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