Elvis Presley: Zwischen Verehrung und Vergessen

Elvis Presley
Foto: APA/AFP/STF

Am 16. August 1977 starb der König. Heute 20-Jährige kennen ihn kaum mehr. Unverschämtes Desinteresse? Oder wurden Musik wie Mythos überbewertet?

13.08.2017, 08:25

Vorteilhaft gereift wirkt seine Ausstrahlung, erhaben über jede Peinlichkeit passt der abgespeckte Körper wieder ins hautenge schwarze Leder. Elvis Aaron Presley ist erst 33. Und feiert trotzdem ein Comeback.

Alles scheint spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. Der Militärdienst in Deutschland am Ende der 1950er-Jahre, die imagegefährdende Leidenschaft für schnulziges Liedgut sowie 30 Darstellungen in Hollywoodstreifen der 1960er, die ihn als Lastwagenfahrer, als Halbblut, als Halbstarken oder aufstrebenden Naivling systematisch und stets singend in mehr oder weniger glückliche Verliebtheiten tappen lassen.

Unantastbare Coolness lautet jetzt der Auftrag, den er showgemäß nie vergisst. Als emporgejubelter König des Rock ’n’ Roll, der einst seine Bestimmung, aber womöglich nie sein Leben war. Elvis Presley begeistert mit drei Oktaven umfassender Stimme, verschleudert seine Erotik, die das Publikum inhaliert – endlich, nach Jahren der Entbehrung gibt es wieder Nahrung für den unerschütterlichen Glauben, dem absolut Größten gegenüberzusitzen.

Generation

Aber irgendetwas stimmt nicht bei dieser von der NBC aufgezeichneten Wiedergeburt des Königs im Jahr 1968. Seine Fans sind mit ihm gealtert, nur bewundernd, weniger entschlossen ihre Gesichtszüge. Zu Helmen auftoupierte und gesprayte Frisuren bestätigen die Ankunft im gesellschaftlichen Mittelmaß. Presley ist bereits ein Relikt, eine Erinnerung an eine Revolution, deren Anführer er war. Undankbar vergesslich ist die neue Generation, denn da draußen hören sie längst eine Musik, die sich eilig weiterentwickelt hat.

Die "British Invasion", angeführt von den Beatles oder Stones, hat Elvis widerstandslos geschehen lassen, mit Jim Morrison vereint ihn die lederne Verkleidung, die Verhärtung des Blues zum Rock, zelebriert von Hendrix oder Led Zeppelin, verhallt in einem ihm fremden Universum.

King of Rock ’n’ Roll? Eine Sentimentalität. Die Puristen haben Presley schon längst vom Thron gezerrt und ihn durch den linientreuen, authentisch verkommenen Chuck Berry ersetzt. Er ist der Gesetzgeber des Rock ’n’ Roll, beeindruckt, auch weil er im Dialog mit seiner Gitarre eigene Hymnen schafft.

Elvis , der ewige Interpret, hat ihnen einst die Türe geöffnet, blieb selbst zurück, wollte lieber Entertainer sein. "Er war schon tot, als er zur Army ging", sollte John Lennon später trocken kommentieren.

Zu respektlos? Ein eher unglücklich gewählter Ausdruck von Traurigkeit. Denn Elvis hat es nicht geschafft, jenes Versprechen zu halten, das er als 19-Jähriger der Musikwelt gegeben hat.

Im Juli 1954 betritt er zu mitternächtlicher Stunde in den Sun Studios von Memphis/Tennessee mit dem Gitarristen Scotty Moore und dem Bassisten Bill Black stilistisches Neuland. Zufällig.

Rockabilly heißt das Produkt, die erzwungene Vereinigung des schwarzen Rhythm & Blues, der "Race Music", mit dem zutiefst weißen, biederen Hillbilly, Grundlage für volkstümlichen Country&Western. Eine epochale Tat, ein unverschämter Tabubruch, ein Blitz am grauen Himmel der populären Musik.

Revolution

Studiobesitzer Sam Phillips, der zuvor keine Berührungsängste mit schwarzen Bluesgrößen wie B.B. King oder Howlin’ Wolf erkennen ließ, wittert schon lange das große Geschäft. Das Textbuch der zu dramatisch überlieferten Legende lässt ihn sagen: "Hätte ich einen weißen Jungen, der wie ein Nigger singen kann, wäre ich im Handumdrehen Millionär."

Phillips bekommt, was er will. Elvis, der weiße Junge, singt "That’s All Right Mama". Zuerst alleine, auf die elektrisch verstärkte Gitarre eindreschend, dann im Verein mit Moore, unterstützt von wild gezupften, gegen das Griffbrett klatschenden Basssaiten. Ungewohnt höllisch das Tempo, neuartig und laut die Gleichberechtigung von Stimme und Begleitung. Elvis wird über Nacht zum Idol, verdrängt sein gesellschaftskonformes Benehmen, schockiert hüftschwingend mit der Andeutung des Geschlechtsverkehrs auf offener Bühne. Wird "Elvis, the Pelvis". Wird Mode-Ikone und führt eine versteinerte Jugendkultur in den Widerstand gegen den lebensbestimmenden Gehorsam. Und er liefert fortan den Soundtrack zum Aufstand. "Heartbreak Hotel" schwankt zwischen bedrohlicher Schmeichelei und aggressivem Aufschrei, der gebrüllte "Jailhouse Rock" unterstreicht Bob Dylans Behauptung: "Elvis Presley zum ersten Mal zu hören, ist wie das Gefühl, aus dem Gefängnis auszubrechen."

Imitation

Elvis ist irgendwann ausgebrochen. Sucht Auswege, findet zu viele Irrwege, versucht wiederzukehren, räumt seinen Thron, Vorurteile beiseite. Ermöglicht so den Aufstieg des wahren Königs, der ein Schwarzer war. Chuck Berrys Songs werden Vorbild und kopiert. Elvis muss sich begnügen, seine Symbole zu überliefern. Von Kopf bis Fuß. Die Haartolle übernimmt Morrissey, später Justin Timberlake. Das verächtliche Heben der Oberlippe passen Sid Vicious und Billy Idol in ihre Arroganz, die Präsenz als Rampensau treibt Mick Jagger auf die Spitze, und die Clash lehnen sich für "London Calling" eng an Presleys erstes Albumcover.

Presley verteidigt weiter seinen Mythos, was teilweise gelingt. Unter dem opulenten weißen Overall beginnt der Verfall. Am 16. August 1977 stirbt er, 42-jährig, 150 Kilo schwer, von der Tablettensucht gezeichnet. Millionen trauern, wehmütige Rückblicke ohne Ende. Und der Rock ’n’ Roll? Der braucht keinen König mehr, hält nicht inne, sondern fegt in schwindelerregender Punk-Geschwindigkeit um den Erdball.

40 Jahre später. Ein Radiosender belebt die "Suspicious Minds". Es verfliegen die misstrauischen Gedanken. Man hat seinen Frieden geschlossen mit Elvis.

Schmäh ohne: Elvis lebt

(Von Georg Leyrer)

Seit seinem Tod war Elvis Presley auch nicht faul: Er hat bei "American Idol" mit Celine Dion gesungen, ist in Las Vegas aufgetreten und mit dem Royal Philharmonic Concert Orchestra auf Tour gegangen.

Elvis Presley's estate Graceland is shown during a Foto: REUTERS/MIKE BLAKE Das wird nur die überraschen, die sich der immensen Verdienstmöglichkeiten mit dem toten King nicht bewusst sind. Da ist der Tod kein Hindernis: Wenn man, wie Presley, jährlich um die 60 Millionen Dollar in die Kassen der Erben spült, dann tun diese viel, um auch Tote am Leben zu erhalten. Und in dieser Hinsicht bieten sich ganz neue technische Möglichkeiten, von denen sich das Musikbusiness künftig Großes (übersetzt: große Einnahmen) erwartet. Neben klassischen Videoeinspielershows (wie jene mit dem Klassikorchester) gibt es auch Hologramme. Dank neuer Computerstärke, einer längst gut situierten und älteren ersten Popgeneration und dem Hunger nach verkaufsträchtigen Inhalten, kehren tote Stars als computererzeugte, dreidimensionale Geisterbilder auf die Bühne zurück. Sie können auch Songwünsche aus dem Publikum entgegennehmen oder neue Tanzschritte lernen. Elvis beim Breakdance? Nicht auszuschließen.

Und Gigs von Whitney Houston, Michael Jackson, Tupac Shakur hätten eine große, kaufkräftige Zielgruppe. Dass da auch Elvis unter den Hoffnungsträgern ist, darf nicht verwunden. Noch dazu, weil die Zeit drängt: Ewig wird das Geschäft mit den alten Stars nicht laufen.

Elvis Wer?

Immerhin 29 Prozent der jungen Briten (18–24 Jahre) geben an, noch nie einen Elvis-Song gehört zu haben, berichtete der Guardian. Und, was schwerer wiegt: Sein Merchandising-Wert sinkt rapide. Die Original-Generation der Elvis-Fans (wer in den 50ern Teenager war, ist jetzt um die 80) ist nicht mehr am Live-Event oder am Sammeln von seltenen Elvis-Stücken interessiert. Weil darüber hinaus auch zunehmend Sammlungen aus Nachlässen auf den Markt kommen und das Angebot so wächst, sinken die Preise.

Und mit dem jungen Publikum hat Elvis, anders als die Beatles oder David Bowie, so seine Schwierigkeiten. 382 Millionen Elvis-Streams gab es auf Spotify im Vorjahr, Bowie und Michael Jackson kamen auf 600 Millionen, die Beatles auf 1,3 Milliarden. Ein Grund: Manche der Bilder, die aus der fernsehmäßig besser dokumentierten Spätzeit seiner Karriere im Gedächtnis blieben, überschatten seine Musik.

Das Leben einer Legende

(Von Werner Rosenberger)

Das Ende

Als Elvis Aron Presley mit nur 42 Jahren starb, hatte er sich schon fast überlebt. Da war der ehemalige Lastwagenfahrer aus Tupelo und – nach jahrelanger Überdosis an Erdnussbutter- Banane-Bacon-Sandwiches – schwer übergewichtige Superstar in Fransenjacke schon fast eine Karikatur seiner selbst.

Kindertraum

Das Sex-Symbol, das am Ende den Teddy-Bären für alle machte, wollte "als Bub immer ein Film- oder Comic-Held sein: Ich wurde groß damit. Ich habe diesen Traum erlebt – mehr kann sich ein Mensch nicht wünschen".Als Kind war Elvis schüchtern und wurde als "Mamasöhnchen" verspottet. Er reagierte darauf mit extravagantem Kleidungsstil und Aussehen. Später eiferten ihm Teenager in aller Welt nach. Der hochgestellte Hemdkragen, die Haartolle und Koteletten waren seine Markenzeichen. Und die besondere Art, sich im Rhythmus zu bewegen: Seinem legendären Hüftschwung verdankt er auch den Spitznamen "Elvis, the pelvis" ("Elvis das Becken"). In den 1950er-Jahren fanden viele Konservative seine Bewegungen zu anstößig, sodass ihm in manchen Bundesstaaten der Hüftschwung bei Konzerten verboten wurde.

Elvis lebt weiter

Priscilla Presley, Lisa Marie Presley Foto: AP/John Locher Seine spätere Ehefrau Priscilla lernte Elvis während seiner Militärzeit (1958–1960) in Deutschland kennen: Sie war damals erst 14 Jahre alt. In Tochter Lisa Marie, Jahrgang 1968, lebt Elvis weiter – und in deren Zwillingen Harper und Finley. Aber auch der "King" selbst lebt weiter. Wie Mickey Mouse. Forever. Und ist seit vielen Jahren on top unter den Bestverdienern der toten Musiker. Außerdem ist Elvis bis heute der einzige Künstler, der

in vier Music Halls of Fame aufgenommen wurde: Rock 'n' Roll, Rockabilly, Country und Gospel.

Tribut auf der Bühne

Elvis Imitator Chris Kaye, Christian Kornberger… Foto: /Lucic Canovová Die Kostüme liegen bereit, die letzten Videos zur perfekten Nachahmung der Gesten sind analysiert – Chris Kaye ist bereit für seinen perfekten Auftritt als Elvis Presley. Mit seiner Band, dem Burning Love Orchestra, und in hautengen Jumpsuits wird er dem "King" am 16. August im Casino Velden Tribut zollen.

Kaye, der eigentlich Christian Kornberger heißt, ist einer von Österreichs erfolgreichsten Elvis-Imitatoren. Wobei: "Das finde ich ein wenig herabwürdigend", meint er. "Elvis Tribute Artist ist viel schöner." Mitte der 2000er- Jahre belegte Kaye bei der Imitatoren-WM in den USA einmal den 2. und einmal den 3. Platz, seine Stimme wurde in Las Vegas zur drittauthentischsten gewählt. "Ich habe zu den zehn weltbesten Elvis Darstellern gehört", erzählt Kaye stolz. Mehrmals im Jahr besuchte er Graceland in Tennessee, sprach mit Elvis-Vertrauten und durfte im legendären Sun Records Studio in Memphis aufnehmen, wo auch Elvis seine erste Session hatte. Seit den 1990er-Jahren tritt er im In- und Ausland auf. Als einer der Ersten, so sagt er, habe er sich an Elvis ’68 Comeback Special gewagt – im authentischen Leder-Outfit.

Faszination "King"

Den King selbst hat Kaye seit seinem zehnten Lebensjahr fasziniert. Man wird schließlich nicht aus Zufall Elvis-Imitator. Damals bekam er "Legends of Music" geschenkt. Mittlerweile besitzt er fast alle Alben, kennt die meisten Bücher. "Elvis hat Seele gehabt. Ich habe die Untertöne gehört. Das hat mich so ergriffen, dass ich wissen

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