"Alles gerettet, kaiserliche Hoheit!"

Sigmund Freud hatte im Sühhaus seine erste Ordination
Foto: APA/dpa

Ein neuer Dokumentarfilm erinnert an die Katastrophe.

18.12.2016, 06:00

Es war die größte Feuerkatastrophe der österreichischen Geschichte und der folgenschwerste Theaterbrand aller Zeiten. Am 8. Dezember 1881 kamen im brennenden Wiener Ringtheater 384 Menschen ums Leben. Der neue Film "Sühnhaus"* dokumentiert das Unglück sowie die Geschichte des Gebäudes, das danach auf diesem Grundstück errichtet wurde.

 … Foto: Fremd/Wolfgang atzenhofer Massenpanik am 8.12.1881

Defekte Lampe

Die Oper "Hoffmanns Erzählungen"von Jacques Offenbach steht an diesem Abend auf dem Programm. Kurz vor Beginn der Vorstellung, um 18.45 Uhr, befinden sich bereits 1760 Menschen im Ringtheater, als eine defekte Gas-Leuchte in Brand gerät. Das Feuer schlägt auf den Bühnenvorhang über, und da der Eiserne Vorhang entgegen den Vorschriften nicht heruntergelassen wird, verbreiten sich die Flammen rasend schnell im ganzen Haus. Fatalerweise schaltet ein Bühnenarbeiter die Beleuchtung des gesamten Theaters durch Schließen des Gashahns aus, wodurch totale Finsternis und unvorstellbare Panik entsteht. Das Publikum tastet sich verzweifelt zu den Türen des Zuschauerraums.Doch die Türen lassen sich nicht öffnen, da sie nach innen aufgehen. So blockieren die ins Freie drängenden Menschen den Weg zur Straße.Um 19 Uhr erscheint der erste Löschzug der Berufsfeuerwehr in einem Fiaker, die Mannschaft ist jedoch für eine solche Massen-Katastrophe nicht gerüstet. Etwas später trifft der Militärkommandant, Erzherzog Albrecht, an der Unglücksstelle am Schottenring 7 ein. Der diensthabende Polizeirat Landsteiner meldet gehorsamst: "Alles gerettet, kaiserliche Hoheit!"

Erstickt und verbrannt

Das Zitat wurde zum geflügelten Wort, da man damit eine der größten Katastrophen der Stadtgeschichte auf dramatische Weise bagatellisiert hat. Denn zu diesem Zeitpunkt liegen bereits Hunderte Menschen verkohlt im Inneren des Theaters. Erstickt, verbrannt, zu Tode getrampelt. Und die noch Lebenden erhalten keine Hilfe, weil durch das fatale "Alles gerettet" den Einsatzkräften der Zutritt ins Theater versperrt bleibt.Niemand hat damit gerechnet, dass ein solches Unglück passieren könnte, da man in Österreich kurz davor neue Feuerschutzbestimmungen angeordnet hatte: Das sofortige Absenken des Eisernen Vorhangs im Brandfall. Beleuchtete Not-Stiegen. Und Türen, die nach außen zu öffnen sind. Die Vorschriften waren verbindlich, aber niemand achtete auf deren Einhaltung.

Direktor geht in Haft

Franz Ritter von Jauner, der Direktor des sieben Jahre zuvor eröffneten Ringtheaters – der auch ein populärer Schauspieler war – hat es laut Anklage "unterlassen, dem technischen Personale ausreichende Instruktionen zu geben". Er wird im Landesgericht Wien "wegen Vergehens gegen die Sicherheit des Lebens durch Unterlassung von Vorsichtsregeln" zu einer unbedingten Arreststrafe von vier Monaten und zur Aberkennung des Adelstitels verurteilt. Kaiser Franz Joseph weist alle Gnadengesuche zurück, weil "die Größe der Katastrophe und Jauners Leichtsinn eine Sühne verlangen, für die eine Geldstrafe ungeeignet" sei.Jauner arbeitet nach seiner Haftentlassung wieder als Theaterdirektor, erschießt sich jedoch am 23. Februar 1900 in seinem Direktionsbüro im Wiener Carltheater.

Ein neues Wohnhaus

An der Stelle des abgebrannten Ringtheaters wird aus der Privatschatulle Kaiser Franz Josephs ein "Sühnhaus" finanziert, das angeblich auf den Gebeinen der Opfer der Katastrophe gebaut wurde, weshalb sich für das neue Wohnhaus trotz günstiger Mietpreise kaum Mieter finden. Einer wird allerdings berühmt: Sigmund Freud eröffnet hier seine erste Ordination. Maya McKechneay, die Gestalterin des Films "Sühnhaus", fand heraus, dass sich eine Patientin Freuds aus dem letzten Stock des Hauses in den Tod stürzte, weshalb sie dem Ort eine mystische Ausstrahlung zuschreibt. Freud verließ das "Sühnhaus" wieder und bezog seine späterhin weltbekannte Adresse Berggasse 19.

Der zweite Brand

Im März 1945 wird auch das "Sühnhaus" ein Raub der Flammen. Offiziell ist es nach einem Bombentreffer abgebrannt, ein Zeitzeuge meint im Film "Sühnhaus", es wurde von unbekannten Tätern angezündet, um verräterische Dokumente zu vernichten. Vermutungen, die nicht belegbar sind. Fest steht aber, dass anstelle des "Sühnhauses" 1974 das Gebäude der heutigen Polizeidirektion Wien eröffnet wurde.

Die Ringtheater-Katastrophe führte zur Gründung der Wiener Rettung und dazu, dass in Österreich bis heute die weltweit strengsten Brandschutzbestimmungen gelten.

"Sühnhaus", Dokumentarfilm von Maya McKechneay, läuft derzeit im Metro- & im De France-Kino, Wien.

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