"A Ghost Story": Leintuch mit Erinnerung

Beobachten, wie das Leben nach dem eigenen Tod weitergeht: "A Ghost Story"
Foto: /UPI

Casey Affleck und Rooney Mara in geisterhafter Liebesgeschichte.

07.12.2017, 06:00

Der Geist sieht aus wie ein Gespenst auf einem Kinderfasching. Weißes, bodenlanges Leintuch und zwei Löcher im Stoff, wo die Augen hingehören. Stumm steht er im Raum eines einsamen Hauses und beobachtet die Geschehnisse.

Keine landesübliche Horrorstory mit Schockmomenten und Gruseleffekten erzählt Regisseur David Lowery in seiner poetischen, tieftraurigen Geistergeschichte. Lowery hatte gerade für teures Disney-Geld "Elliot, der Drache" gedreht und dann in einem vergleichsweise winzig budgetierten Independent-Film Zuflucht gesucht. Daraus entstand eine traumtänzerische Ghost-Story der anderen Art, mit Casey Affleck und Rooney Mara in den Hauptrollen.

Sie beide spielen das verliebte Pärchen, das sich innig auf der Couch räkelt und über die Zukunft nachdenkt. Sie würde gerne das einsame Haus, in dem sie gemeinsam leben, verlassen und woanders hinziehen. Er würde gerne bleiben, weil er sich dem Haus und seiner Geschichte verbunden fühlt. Doch der Tod kommt den Zukunftsplänen zuvor: Einer der Partner stirbt und verschwindet unter dem Leintuch. Der andere bleibt in Trauer zurück.

Die Sehnsucht, mit geliebten verstorbenen Menschen Verbindungen aufzunehmen wie in "Ghost – Nachricht von Sam" beflügelte immer wieder Geschichten im Kino. Doch dieser Geist kann keinen Kontakt herstellen. Er kann nur beobachten, wie die von ihm verlassene Person in stillem Schmerz Löcher in die Luft starrt oder verzweifelt ganze Torten in sich hinein stopft.

Wütend

Lowery bezeichnet sich selbst als Fan des asiatischen Kinos und ließ sich eindeutig von dessen Langsamkeit beeinflussen. Die Intimität seiner spartanischen Geschichte und seiner kargen Bilder spitzt sich durch das fast quadratische Filmformat zu, dessen abgerundete Ecken an alte Fotos erinnern.

Irgendwann wird der Geist wütend, weil er zunehmend in Vergessenheit gerät. Irgendwann zieht eine neue Familie in sein Haus ein. Irgendwann sitzt Will Oldham, besser bekannt als Sänger Bonnie "Prince" Billy im Raum und hält eine intensive Rede über die Vergänglichkeit der Menschheit.

Meist aber überwiegen Einsamkeit und Stille. Mieter kommen und gehen, das Haus wird demoliert, ein Skyscraper hochgezogen. Das weiße Leintuch beginnt sich abzuschaben und Flecken zu bekommen. Der Kreislauf der Erinnerung fließt plötzlich rückwärts, in die Pionierjahre Amerikas und in jene Zeit, in der das Haus entstanden ist.

Erzählt "A Ghost Story" davon, wie ist es, wenn man nicht loslassen kann? Wie das Leben ohne einen selbst weiter geht? Von der Vergeblichkeit der Erinnerung? Oder davon, dass es so etwas wie eine Liebe gibt, deren Abdruck die Zeiten überdauert?

Trost oder Drohung, Zärtlichkeit oder Fluch – "A Ghost Story" macht schmerzlich spürbar, wie sich Heim im Unheimlichen verbirgt.

INFO: USA 2017. 92 Min. Von David Lowery. Mit Casey Affleck, Rooney Mara.

KURIER-Wertung:


"Radiance"

Die letzten Strahlen des Lichts vor dem Sonnenuntergang

Zartfühlende Studie über das Erblinden von Naomi Kawase.

Über die Leinwand rauscht ein großes Drama über Liebe, Alter und Tod. Doch die Zuseher sind sehbehindert. Es ist die Stimme einer jungen Frau, die ihnen mit zarter Stimme die Beschreibungen zu den Bildern liefert. Aber was genau sieht sie? Und wie kann sie beschreiben, was sie sieht?

Ein Fotograf, der aufgrund einer Krankheit gerade sein Augenlicht verliert, kritisiert die Bildbeschreibungen der jungen Frau – und stößt sie damit an die Grenzen des Sagbaren. Gleichzeitig kämpft er mit dem Verlust seiner Sehkraft und versucht, mit seiner Kamera die Gegenwart vor dem Verschwinden zu bewahren.

Licht und Schatten – die Grundthemen des Kinos – beflügeln die japanische Regisseurin Naomi Kawase zu einer tief empfundenen Stimmungsstudie. Die letzten Lichtstrahlen, die der Fotograf vor seiner endgültigen Erblindung zu erhaschen sucht, korrespondieren mit sensationellen Sonnenuntergängen. Kawase filmt ins Gegenlicht, verdunkelt die Figuren zu Schattenrissen oder taucht sie in warmes Licht. Bei ihr macht Liebe nicht blind, sondern sehend.

INFO:  J/F 2017. 101 Min. Von Naomi Kawase. Mit Masatoshi Nagase, Ayame Misaki, Tatsuya Fuji.

KURIER-Wertung:


"Zwischen zwei Leben – The Mountain Between Us"

Verliebter Überlebenskampf

Kate Winslet und Idris Elba kämpfen sich durch die Eishölle.

Flugzeugabstürze sind für Menschen mit Flugangst immer eine Zumutung, selbst wenn sie nur im Kino stattfinden. Umso mehr, wenn sie effektvoll inszeniert sind.

Und wer würde schon freiwillig in ein winziges Flugzeug steigen – noch dazu bei Sturmwarnung?

Eine Fotojournalistin names Alex, weil sie sonst ihre eigene Hochzeit verpassen würde. Und ein Chirurg namens Ben, weil er eine wichtige Operation durchführen muss. Beide haben sich auf dem Flughafen kennen gelernt, wo gerade alle Flüge gestrichen wurden – wegen Schlechtwetters. Die Lösung naht in Form eines winzigen Charterfliegers: Freudig gehen sie an Bord – und mit ihnen der Pilot und sein Hund.

Der Sturm, das Einsetzen von Turbulenzen und die Probleme des Piloten exekutiert der palästinensische Regisseur Hany Abu-Assad ("Paradise Now") in seiner ersten Hollywood-Produktion mit haarsträubender Souveränität. Schlank und beklemmend inszeniert, startet sein Survival-Drama gleich mit einem Höhepunkt – dem Flugzeugabsturz.

Danach bleiben nur seine beiden attraktiven Stars Kate Winslet und Idris Elba, der Hund und eine fotogene Schneelandschaft übrig. Durch diese muss sich das unfreiwillig zusammengeschmiedete Paar schlagen, will es am Leben bleiben.

Screwball

Üblicherweise ballen sich in derartigen Katastrophenszenarien noch weitere Unglücke zusammen – vom Lawinenabgang bis zum Felssturz. Doch Abu-Assad konzentriert sich lieber auf die Pärchen-Bildung: Als würden er die beiden auf ein Radikal-Rendezvous zum Besseren-kennen-lernen schicken, unterfüttert er die Extremsituationen mit zart vergnüglichen Screwball-Untertönen. Insofern mangelt es manchmal an hartem Realismus: Dass der Herr Chirurg in jeder Situation ein flackerndes Kaminfeuer entfachen kann, ist ebenso fragwürdig wie der Umstand, dass der Hund offenbar wochenlang ohne Nahrung auskommt. Dafür sehen wir zwei Menschen nicht nur beim Kampf ums Überleben zu, sondern auch beim sich Verlieben.

INFO: USA 2017. 112 Min. Von Hany Abu-Assad. Mit Kate Winslet, Idris Elba, Beau Bridges.

KURIER-Wertung:


"Der Mann aus dem Eis"

Wortlose Verfolgung im verschneiten Gebirge

Geheimnisloser Steinzeit-Western rund um Ötzi.

Das Rätsel um "Ötzi" ist gelöst. Jener sensationelle Skelettfund aus dem Jahr 1991, als Wanderer eine 5200 Jahre alte Leiche mit tödlichem Pfeileinschuss fanden, hat nun seine fiktive Kinobiografie bekommen. Regisseur Felix Randau gibt sich radikal, indem er seine Menschen aus der Steinzeit in unverständlicher Sprache miteinander kommunzieren lässt. Allerdings bleiben sie trotzdem gänzlich geheimnislos.

Jürgen Vogel, dessen haariges Outfit an das von Rübezahl erinnert, wirft sich geradezu weg in seiner Rolle als grimmiger Rächer. Während er gerade als Jäger und Sammler zugange ist, um seine Familie zu ernähren, fallen drei Unbekannte über seine kleine Siedlung her und töten brutal alle Anwesenden. Nur ein Baby überlebt. Der Rest ist wortlose Verfolgung der Täter im verschneiten Hochgebirge.

Mann gegen Mann im existenziellen Überlebenskampf in rauer Natur: auch in der Steinzeit galten schon die Regeln des Rache-Westerns; allerdings hat man den in der Gegenwart schon aufregender gesehen.

INFO: D/I/Ö 2017. 96 Min. Von Felix Randau. Mit Jürgen Vogel, Susanne Wuest.

KURIER-Wertung:


"Fikkefuchs"

Männer als notgeile, arme Würstchen

Männerhumor zum Kotzen.

Dass dieser Film als sogenannte "Tragikomödie" daherkommt, zeigt vor allem eines: Was die einen witzig finden (können), ist für andere nur wenig lustig, oder sogar eher zum Kotzen.

Im konkreten Fall scheint diese Demarkationslinie zwischen den Geschlechtern zu verlaufen.

"Fikkefuchs" ist ein Film über männliche Sexualität in der heutigen Zeit der maximalen sexuellen Freiheit.

Für ein männliches Publikum geht es darin vielleicht um die Frage, wie und warum man als Kerl scheitern kann, weil Frauen nicht bereit sind, für jeden Dahergelaufenen die Beine breit zu machen. Weibliche Zuschauer – sofern sie sich den Film überhaupt antun wollen – werden kaum das nötige Mitgefühl entwickeln können, um die Männer als arme Würstchen zu sehen, mit denen man vielleicht nachsichtig sein sollte.

Thorben, der Protagonist dieses Films, ist jung, aggressiv und nach dem Dauerkonsum von Pornos auf dem Sprung, die nächstbeste Frau flachzulegen. Notgeil wildert er durch Berlin. Beim Versuch, eine Supermarktverkäuferin zu vergewaltigen, landet er in der Psychiatrie, kann aber wieder abhauen. In Berlin sucht er nach seinem Vater, dem "Stecher von Wuppertal", der ihm beibringen soll, wie man an die Frauen herankommt. Gespielt wird dieser vom Regisseur und Drehbuchautor selbst.

Der Soundtrack dieses nur mittels Crowdfunding finanzierten Streifens passt zu dieser Vater-Sohn-Geschichte wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge: Smetanas "Moldau" im Wechsel mit zeitgenössischen Zeilen wie "Fick dich, du Hurensohn". Komisch ist anders.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: D 2017. 101 Min. Von und mit Jan Henrik Stahlberg. Mit Franz Rogowski, Thomas Bading.

KURIER-Wertung:

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )
Antworten folgen
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    © 2017 kurier.at Hosted & Connected by