Pariser Vorstädte: Wo die Gewalt eskaliert

Ausschreitungen in Bobigny, nördlich von Paris.
Foto: APA/AFP/GEOFFROY VAN DER HASSELT

Ausschreitungen sind in den Pariser Vorstädten dieser Tage allgegenwärtig. Jugendliche fühlen sich nicht respektiert, von der Politik nicht vertreten und sorgen für Krawalle. Ihnen gegenüber steht die Polizei.

17.02.2017, 14:41

Traurig betrachtet Ayoub Salem zerstörte Fensterscheiben und ausgebrannte Autos in den Straßen Bobignys. Seit gut zwei Wochen kommt es in der Vorstadt nordöstlich von Paris häufig zu Krawallen. Aufgebrachte junge Menschen fordern „Gerechtigkeit für Theo“, einen 22-Jährigen, der mutmaßlich von Polizisten misshandelt wurde.

Längst hat der spektakuläre Fall den französischen Präsidentenwahlkampf erreicht. Die Regierung versucht, die Lage zu beruhigen, Staatschef François Hollande eilte bereits an das Krankenbett von Theo. Die rechtsextreme Front National (FN) geißelt die von vielen Menschen mit Migrationshintergrund bewohnten tristen Vorstädte als rechtsfreie Zonen, die nicht zu Frankreich gehörten, wie es FN-Generalsekretär Nicolas Bay formuliert.

Nach den Ausschreitungen beseitigt Salem im Schatten von Hochhaustürmen gemeinsam mit Koko Tounkara die Schäden der Nacht. Als Mitglieder der unabhängigen Jugendvereine „Jeunesse ambitieuse“ („Ehrgeizige Jugend“) und „Apo-G“(für „apogée“: „Blütezeit“) haben sie eine Aufräumaktion gestartet. Die Vereine unterstützen Jugendliche in der Vorstadt, geben Nachhilfe, vermitteln Jobs.

Gewalttäter kommen selten aus dem eigenen Viertel

FRANCE-POLICE-RAPE Foto: APA/AFP/GEOFFROY VAN DER HASSELT

Salem und Tounkara ärgern sich über die Krawalle. „Nun schauen alle wieder auf die Randalierer aus der Vorstadt“, sagt Tounkara. Er ist hauptberuflich Erzieher und arbeitet ehrenamtlich für die Vereine.

Die wenigsten Gewalttäter kämen aus Bobigny, erzählt der 23-jährige Salem: „Wir zünden ja nicht unsere eigenen Autos an.“ Tounkara ergänzt: „Die meisten jungen Menschen hier sind engagiert und wollen etwas verbessern.“

Théo soll bei seiner Festnahme vor rund zwei Wochen im nahe gelegenen Aulnay-sous-Bois von vier Polizisten schwer verletzt worden sein. Einer der Polizisten wird verdächtigt, ihn mit einem Schlagstock vergewaltigt zu haben. Die Justiz ermittelt.

„Gewalt bei Polizeikontrollen und Festnahmen ist hier Alltag“, meinen Tounkara und Salem. Der ebenfalls aus dem Viertel stammende Sozialarbeiter Jean-Pierre Le Coq ergänzt: „Viele Jugendliche fühlen sich von der Polizei nicht respektiert, oft auch diskriminiert.“ Kontrollen eskalierten deshalb häufig. Erst im vergangenen Sommer starb der 24-jährige Adama Traore unter nicht völlig geklärten Umständen bei seiner Festnahme in Beaumont-sur-Oise, nördlich von Paris.

Polizei: Opfer und auch Täter

A police officer confronts a youth during a protes… Foto: AP/Francois Mori Für Sabri Leray gehören Kontrollen zum Alltag. Er trifft sich oft mit seinen Freunden vor dem Einkaufszentrum Bobignys. „Ich habe algerische Wurzeln, wahrscheinlich werde ich deshalb fast täglich kontrolliert“, vermutet er. „Die Polizisten duzen mich und zeigen keinen Respekt“, berichtet der 25-Jährige.

Das Gefühl, nicht respektiert zu werden, kennen viele Jugendliche aus der Trabantenstadt Bobigny. Der Vorort mit rund 50.000 Einwohnern gilt als sozialer Brennpunkt. „Wer Bobigny als Adresse angibt, hat weniger Chancen auf einen Job“, resümiert Sozialarbeiter Le Coq. „Da die Jugendlichen nicht ernst genommen werden, haben sie ein Problem mit Autoritäten.“

Polizisten und Jugendliche haben Angst

Das spüren oft auch die Polizisten. Sie sind ebenfalls Opfer von Gewalt. Erst im letzten Oktober warfen Demonstranten in Viry-Chatillon südlich der Hauptstadt Molotowcocktails in ein Polizeiauto. Der Fall machte landesweit Schlagzeilen, viele Ordnungshüter gingen aus Protest auf die Straße. „Polizisten und Jugendliche haben beiderseits Angst voreinander“, sagt Le Coq. „Mehr Kontakt und Dialog würde bereits helfen.“

Trotzdem dürfe die Polizei nicht ihre Staatsmacht missbrauchen, findet Le Coq. Er hofft auf eine Verurteilung der Polizisten im Fall Theo. „Das könnte Exempel statuieren und Polizisten daran erinnern, dass auch sie dem Recht unterstellt sind.“

In Bobigny schert man sich wenig um Politiker. Die Nichtwähler-Quote lag bei den Regionalwahlen im vorvergangenen Jahr bei über 60 Prozent. „Politiker interessieren sich nur für uns, wenn es brennt. Wir fühlen uns von niemandem repräsentiert“, sagt Ayoub Salem.

FRANCE-POLICE-RAPE Foto: APA/AFP/GEOFFROY VAN DER HASSELT


Hintergrund

Opfer aus Krankenhaus entlassen

Gut zwei Wochen nach seiner brutalen Festnahme durch Polizisten hat ein 22-jähriger Franzose das Krankenhaus verlassen. Theo erklärte auf Facebook, seine Wunden seien noch nicht verheilt und er sei „in einem sehr schlechtem Zustand“. Seit der mutmaßlichen Vergewaltigung des jungen Schwarzen mit einem Schlagstock gibt es im Großraum Paris jede Nacht Proteste gegen Polizeigewalt und Ausschreitungen.

Theo sagte in dem Video auf Facebook weiter, er hätte noch zehn weitere Tage im Krankenhaus bleiben sollen, habe dies aber nicht ausgehalten. Er dankte an der Seite seiner Mutter und einer seiner Schwestern allen Menschen, die ihn unterstützt hätten.

Video zeigt Polizeigewalt gegen Theo

Vier Polizisten hatten ihn in der Vorstadt Aulnay-sous-Bois nördlich von Paris am 2. Februar wegen angeblichen Drogenhandels kontrolliert. Ein Überwachungsvideo zeigt, wie sie ihn mit Schlagstöcken schwer verletzen. Dabei soll einer der Polizisten ihm den Schlagstock in den After gerammt haben. Theo ist noch rund sechs Wochen arbeitsunfähig geschrieben. Die Polizisten sind vom Dienst suspendiert, gegen sie laufen Ermittlungen.

Innenminister Bruno Le Roux zeigte sich erneut besorgt über die anhaltenden Unruhen in den Vorstädten. Er wolle sich für eine Annäherung zwischen Polizei und Anwohnern einsetzen, sagte der Politiker dem TV-Sender France 2. Seit Beginn der Proteste wurden nach Angaben aus seinem Ministerium mehr als 250 Menschen wegen Sachbeschädigung festgenommen. Auch in der Nacht zu Freitag gab es in mehreren Vororten wieder Festnahmen.

(Nadine Benedix, dpa/moe)

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )
Antworten folgen
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    © 2017 kurier.at Hosted & Connected by