40 junge Dschihadisten unter Polizeibeobachtung

Unterschätzte Gefahr: Jugendliche Dschihadisten
Foto: /Privat

Terrorpotenzial ist hierzulande größer als in Deutschland. Der 15-Jährige, der den Westbahnhof sprengen wollte, sitzt wieder in U-Haft.

29.01.2016, 06:01

Der 15-jährige Dschihadist Mertkan G., der als 14-Jähriger Pläne für einen Sprengstoffanschlag am Wiener Westbahnhof geschmiedet hatte, sitzt seit Mittwochabend wieder unter IS-Terrorverdacht in U-Haft. Dabei hatte er schon acht Monate Gefängnis wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung abgesessen und war erst im Sommer vorigen Jahres entlassen worden. Dabei war er in Psychotherapie und in Gesprächskontakt mit einem Islam-Experten. Dabei wurde er vom Bewährungshilfe-Verein Neustart intensiv betreut, wie kaum ein anderer Klient.

Ein Unbelehrbarer? Oder offenbart das Beispiel Mertkan G. die Hilfslosigkeit des Staates bei der Aufgabe, die Radikalisierung von Jugendlichen zu verhindern bzw. umzukehren? Wie weit dringt  der Dschihad bereits in die Kinderzimmer vor?

Ländervergleich

Ein Blick auf die Statistiken des Verfassungsschutzes zeigt, dass Österreich im Vergleich zu Deutschland ein wesentlich höheres Radikalisierungspotenzial hat. Der deutsche Verfassungsschutz hat bei 677 Personen den Verdacht, dass sie als Dschihadisten in den Bürgerkrieg nach Syrien oder in den Irak gezogen sind. Der österreichische Verfassungsschutz hat 250 Personen im Visier.

Nachdem aber Deutschland zehn mal so viele Einwohner hat wie Österreich, müsste man für einen Ländervergleich die Zahl 250 mal zehn rechnen. Laut Verfassungsschutz sind unter den 250 österreichischen Verdächtigen 40 Jugendliche unter 18 Jahren. Im zehn mal so großen Deutschland werden nur 45 Jugendliche mit Terrorpotenzial geortet.

Gefürchtet

Dazu kommen noch die von Neustart mit speziell ausgebildeten Sozialarbeitern  betreuten zwei Dutzend Jugendliche und junge Erwachsene (bis 21), die wegen Unterstützung des IS (Islamischer Staat) bereits verurteilt worden sind. Außer Mertkan G. ist bisher kein einziger neuerlich strafrechtlich aufgefallen. Laut Neustart-Sprecher Andreas Zembaty unterscheidet sich die Betreuung, was die Ursachen der Radikalisierung betrifft, nicht wesentlich von jener junger Neonazis. Bei beiden stehe der Gedanke im Vordergrund: „Wenn ich nicht geliebt werde, will ich wenigstens bewundert oder gefürchtet werden.“

Man müsse diesen Personen eine Perspektive geben, sagt Zembaty: „Wer eine Ausbildung, einen Job, eine Wohnung, eine Zukunft, eine Freundin, Bezugspersonen hat, der braucht die Radikalisierung nicht. Die, die uns anfangs mit ihrem Gedankengut erschreckt haben und alles ablehnen, werden durch und durch bürgerlich.“

PROZESS GEGEN TERRORVERDÄCHTIGEN 14-JÄHRIGEN IN ST Foto: APA/ORF/GERNOT ROHRHOFER Was ist bei Mertkan G. schief gelaufen? Angeblich kopierte er Fotos seiner Freunde in Bilder von Terrorkämpfern in Syrien, um ihnen zu zeigen: Solche Helden könnt Ihr auch werden! Bei einem  soll er bereits auf bestem Weg der Radikalisierung gewesen sein, die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen diesen Burschen.

Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis bekam Mertkan G. vier mal pro Monat Hausbesuche von seinem Bewährungshelfer (üblich sind zwei Termine). Er ging aus eigenem Antrieb wieder in die Schule, war aber bald in einigen Fächern zunehmend überfordert. Er absolvierte über richterliche Weisung Psychotherapie, doch wurden die Therapeuten wegen Krankenständen ausgewechselt, Termine abgesagt. In einem speziellen Deradikalisierungsprogramm befand sich Mertkan G. weder in Haft noch danach.

Wie Britta Tichy-Martin vom Justizministerium erklärt, ist das Maßnahmenpaket noch in Ausarbeitung. Die Justizwache wird dafür geschult, Radikalisierung zu erkennen und ihr zu begegnen, es gibt Sozialpädagogen und Antigewalttraining, aber das Gesamtprogramm ist noch nicht finalisiert.

Langwierig

Das ist laut Experten aber dringend gefordert. „In den Gefängnissen braucht es spezielle Programme für radikalisierte Jugendliche und junge Erwachsene“, sagt  Verena Fabris, Leiterin der Beratungsstelle Extremismus. Dazu müsse auch Geld in die Hand genommen werden, denn: „Eine Ideologie zu dekonstruieren ist ein langer Prozess, der vielfältige Aspekte berücksichtigen muss.“

Auch der Integrations- und Extremismus-Experte Kenan Güngör sieht das so. Deradikalisierungsarbeit würde mitunter mehrere Jahre in Anspruch nehmen.  „Was wir brauchen, ist ein offizielles Deradikalisierungsprogramm mit Verpflichtungscharakter in den Gefängnissen“, sagt Güngör. Doch dazu brauche es  auch die entsprechenden Ressourcen, finanziell wie personell.

Weniger Rückfall

In Deutschland gibt es das längst, der anerkannte Pädagoge Thomas Mücke pendelt von Gefängnis zu Gefängnis, er betreute drinnen und auch draußen zuerst Neonazis und jetzt Dschihadisten. Der von ihm gegründete Verein Violance Prevention Network wird von einigen deutschen Bundesländern für das Deradikalierungsprogramm gebucht. Der Rückfall bei den Verurteilten in diesem Programm sank von sonst üblichen 75 auf 50 Prozent, nur 13 Prozent davon mussten erneut in Haft.

Dass die Gefahr in Österreich unterschätzt wird, zeigt auch der Ansturm auf die Deradikalisierungshotline des Familienministeriums. Im Vorjahr sind rund 1000 Anrufe von besorgten Müttern, Vätern, Schwestern, Großmüttern oder Freundinnen eingegangen, darunter 570 Erstanrufe. In drei Fällen haben auch selbst Betroffene Hilfe gesucht.


Nachgefragt

"Ansteckungsgefahr im Gefängnis erkennen"

Experte Kenan Güngör fordert verpflichtendes Deradikalisierungsprogramm.

KURIER: Herr Güngör, bei unserem Gespräch im Mai des Vorjahres haben Sie gesagt, es habe eine "Entzauberung" des Dschihad stattgefunden. Ist das nun doch nicht so?

Kenan Güngör: Insgesamt hat das Thema an Neuigkeitswert verloren, die große Welle ist abgeebbt. Es gab eine graduelle Entschärfung, aber natürlich gibt es immer noch Jugendliche, die gefährdet sind.

Der 15-jährige Mertkan G. wurde engmaschig betreut und ist trotzdem rückfällig geworden. Überrascht Sie das?

Zum speziellen Fall kann ich nichts sagen, aber so etwas kommt immer wieder vor. Mit erscheint in dieser Sache eines wichtig: Wir unterschätzen da etwas. Wir glauben: Jetzt haben wir uns ein bisschen mit einem radikalisierten Jugendlichen beschäftigt, jetzt ist er deradikalisiert. Aber wenn es so einfach wäre, gäbe es auch längst keine Neonazis mehr.

Woran scheitert es da?

Was wir brauchen, ist ein offizielles Deradikalisierungsprogramm in den Gefängnissen. Eines mit Verpflichtungscharakter. Denn nach wie vor sind Gefängnisse oft Rekrutierungsstellen. Oft haben Insassen nur zu einer anderen Person Kontakt. Viele stellen sich im Gefängnis die Sinnfrage. Manche versuchen, in radikal-religiösen Ansichten Halt zu finden. Die Ansteckungsgefahr im Gefängnis muss erkannt werden.

Wie sollte das Deradikalisierungsprogramm, das Sie fordern, ausschauen?

Dazu braucht es finanzielle und personelle Ressourcen. Das was jetzt in den Gefängnissen in Sachen Deradikalisieruung passiert, geht oft von Initiativen aus. Aber da braucht es mehr PS, ein offizielles Programm. Die Menschen, die in den Gefängnissen arbeiten, brauchen eine hohe Beziehungskompetenz, sie müssen Vertrauen zu radikalisierten Menschen – die oft sehr misstrauisch sind – aufbauen können. Die Person muss die Lebenswelt radikalisierter Menschen verstehen und die familiäre und psychische Entwicklung einschätzen können. Und diese Personen müssen die Fähigkeit der ideologischen Dekonstruktion besitzen. Eine Person zu finden, die alle drei Fähigkeiten besitzt, ist sehr schwer. Deradikalisierungsarbeit ist sehr zeitintensiv und dauert oft jahrelang, und der Ausgang ist immer ungewiss.

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