Irrer Wahlkampf: "Slimfit in die Donau"

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Wie Tal Silberstein und die SPÖ den Nationalratswahlkampf zum Entgleisen brachten.

Dr. Daniela Kittner

Vor einem guten Jahr fanden gleichzeitig zwei Vorgänge statt: Sebastian Kurz bereitete sich im Stillen darauf vor, die ÖVP zu übernehmen und die anschließende Wahl zu gewinnen. Die SPÖ bereitete sich im Stillen darauf vor, dass Kurz die ÖVP übernehmen würde, und wie sie trotzdem die Wahl gewinnen könnte. Für die SPÖ, so viel war klar, machte es einen Riesen-Unterschied, ob die ÖVP mit Kurz oder mit Reinhold Mitterlehner in die Wahl gehen würde (siehe Grafik). Im Fall Mitterlehner hätte die SPÖ den üblichen Wahlkampf – Wir, die Guten, gegen die rassistischen blauen Europa-Feinde – führen können. Diese Konfrontation hatte sich für die SPÖ über Jahrzehnte bewährt.

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Mit dem Wechsel zu Sebastian Kurz würde die Wahlkampf-Aufstellung eine andere sein, der SPÖ würde kein denunzierbarer Blauer, sondern ein solider Schwarzer gegenüberstehen. "Uns war im Herbst 2016 klar, dass die Wahlkampf-Situation ähnlich sein würde wie 2006", erzählt ein SPÖ-Insider dem KURIER. "Daher fiel die Entscheidung, Tal Silberstein anzuheuern." Es war vor allem SPÖ-Chef Christian Kern, der den Spezialisten für Negativkampagnen haben wollte.

Silberstein hatte 2006 immerhin Kanzler Wolfgang Schüssel zu Fall gebracht. Höhepunkt damals war, dass eine falsche Pflegerin auftauchte, die behauptete, die Familie Schüssel habe sie illegal unter Mindestlohn beschäftigt (die SPÖ bestreitet bis heute ihre Schuld an dieser diffamierenden Lüge).

Für den aktuellen Wahlkampf schlug die SPÖ-Führung das von ihrem Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler vorgeschlagene Team – es sollte dasselbe sein, mit dem Michael Häupl 2015 den Gemeinderatswahlkampf geführt hatte – aus und ließ Silberstein gewähren. Welchen Wert Kern Silbersteins Diensten beimaß, ist an der Gage abzulesen: Der SPÖ-Chef gönnte Silberstein ein Honorar von einer halben Million Euro, um 200.000 € mehr als der Kanzler selbst verdient.

Silberstein stellte ein Team aus Israelis und ihm bekannten Österreichern zusammen. Zu letzteren zählten die SPÖler Robert L. und Paul Pöchhacker, die er aus dem Wahlkampf 2006 kannte, sowie die Neos-Leute Victoria S., Anja H. und Peter Puller, die er vom Wien-Wahlkampf 2015 kannte. Es gab also eine komplexe SPÖ-Aufstellung aus Silberstein-Leuten, Niedermühlbichler-Leuten (= Löwelstraße) und dem Kanzler-Kabinett, letzteres durchsetzt von alten Faymann-Getreuen mit Krone-Connection. Die Gruppen waren untereinander verfeindet.

Zwischen Kanzleramt und Löwelstraße eskalierte die Auseinandersetzung bis hin zur Rauferei. Ein Kanzler-Mitarbeiter stieß mit Anlauf und voller Wucht einen Löwelstraßen-Mitarbeiter nieder, sodass dieser längs auf den Boden flog (zum Glück war kein Glastisch im Weg). Hintergrund war ein Streit über Rot-Blau: Die Kanzlerei (Kern und Thomas Drozda) brachte öffentlich Rot-Blau ins Spiel, "um Kurz zu ärgern", wie der Insider erzählt. Die Partei hingegen wollte die Rot-Blau-Debatte ersticken, weil das Thema in der SPÖ umstritten und daher schädlich war. Eskaliert war die Situation aber aus Eifersucht, weil sich der Kanzler-Mitarbeiter von der Löwelstraße bei einem "Wording" zu Rot-Blau übergangen fühlte.

Tal Silberstein Foto: APA/AFP/JACK GUEZ

Die komplexe Aufstellung führte zu einer gewissen Unübersichtlichkeit. Silberstein schickte Leute, die zum Teil unbekannt oder jedenfalls keine Vertrauensleute waren. Einmal waren bei einer Strategiebesprechung im Renner Institut gezählte dreißig Leute im Raum und lauschten Silbersteins Vortrag über den SPÖ-Wahlkampf. Unbekannte oder Ungebetene im Innersten des SPÖ-Wahlkampfs waren gang und gäbe. "Manchmal fragte sogar der Kanzler in eine Runde: Warum ist denn der da?", erzählt der SPÖ-Insider.

Fremde Personen im innersten Circle

Silberstein machte sich breit. Er platzierte Victoria S. im Kanzler-Büro. Weil der Israeli die Aussagen der "Fokusgruppen" (Normalbürger debattieren als Testpersonen über Plakate, Werbefilme etc., bevor die Werbemittel in Umlauf gehen) nicht verstand, brauchte er eine Dolmetscherin. Die Ex-Neos-Frau Victoria S. empfahl A. J., und niemand überprüfte die Dame, obwohl sie an der Schaltstelle zwischen Silberstein, Kanzleramt und Löwelstraße tätig werden sollte.

Das rächte sich. A. J. steht im Verdacht, einen Datensatz von Mails gestohlen zu haben, nachdem sie ihren Job verlor (nach Silbersteins Verhaftung brauchte die SPÖ keine Dolmetscherin mehr). Bevor A. J. die Daten verhökerte (mutmaßlich an ÖVP-Leute, aber auch ein Kern-Freund bot ihr laut Krone Schweigegeld), soll sie versucht haben, einen Job von der SPÖ zu erpressen, indem sie mit dem Internet-Stick wedelte und meinte, ein bestimmter Medienmann könnte mit den Daten sicher was anfangen. Erst da begann die SPÖ zu recherchieren und stieß auf eine Facebook-Gruppe namens "Wolfsrudel", der A. J., JVPler, Neos und besagter Medienmann angehörten. Seither tauchen schubweise eMails in Medien auf. Jenen SPÖler Robert L., der eines der peinlichen Mails ("Kern ist eine eitle Prinzessin") verfasst hatte und öffentlich wurde, warf der Kanzler irgendwann eigenhändig aus den Strategiegruppen.

Robert L. soll übrigens nicht der einzige SPÖler sein, der derart abschätzig über den eigenen Parteichef redete. "Sobald Kern den Raum verließ, begann die Lästerei", erzählt der Insider. So etwas sei "Gift" für einen Wahlkampf. Versuche, die Situation zu bereinigen und die Störenfriede zu entfernen, scheiterten stets. Kern bekam die streitenden Gruppen um sich herum, die sich gegenseitig denunzierten und jede Schwachstelle des anderen zielsicher ausnutzten, nicht in den Griff. Beispiel: Als Niedermühlbichler sich einmal Rat bei Stefan Petzner holte, wurde er binnen einer Stunde bei der Krone verpfiffen.

Dildo-Expertin als Kanzler-Sprecherin

Silberstein empfahl dem Kanzler, eine gewisse Anja H. für eine Sprecherfunktion zu engagieren. Das verhinderte Niedermühlbichler in letzter Sekunde. Anja H. hatte bis 2015 eine Internetplattform als Expertin für Vaginalkugeln und "gemüseähnliche Dildos" betrieben und Heute darüber ein Interview gegeben. Diese Art von Publicity erschien selbst Kern, der Silberstein ansonsten gewähren ließ, abträglich. Die Dildo-Expertin landete nicht offiziell im Kern-Team, aber immerhin in jener Sudel-Gruppe, die heimlich die Kampagne gegen Sebastian Kurz betrieb.

Doskozil musste für Christian Kern „die Sicherheitsflanke schließen“ Foto: APA/HBF/PUSCH

Umstritten war zwischen den Österreichern und dem Israeli, wie die SPÖ mit dem Thema Sicherheit umgehen sollte. Silberstein predigte, bevor die SPÖ "die Sicherheitsflanke" nicht schließe, würde sie mit keinem anderen Thema durchkommen. Also wurden Werbemittel überlegt. Ein Plakat-Entwurf zeigte Kern martialisch mit Kampfhubschraubern. "In den Fokusgruppen stellte sich heraus, dass sich Frauen beim Anblick des Plakats fürchten", so der Insider. Nach langem Hin und Her einigte man sich, dass Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil an Kerns Stelle "die Sicherheitsflanke schließen" solle.

"Directly from the number one"

Kern vertraute Silberstein bis zu dessen Verhaftung, was der Israeli weidlich ausnutze. "That comes directly from the number one", lautete seine Redewendung, wenn er etwas durchsetzen wollte. Der Insider: "Silberstein agierte mit der Autorität Kerns. Er war der Guru, die graue Eminenz. Niemand traute sich zu widersprechen, nur Kampagnenleiter Stefan Sengl tat es und verrieb prompt dabei."

Kern als Pizza-Bote Foto: APA/SPÖ

Silberstein empfahl auch, den Kanzler "auf die Ebene der kleinen Leute runterzuholen", weil Kern in den Slimfit-Anzügen hauptsächlich obere Mittelständler ansprach. Ein Ausfluss dieser Empfehlung war das Pizzaboten-Video. Eine andere Idee lief unter dem Codenamen "Slimfit in die Donau".

Das Videodrehbuch sah vor: Der Kanzler spaziert an einem Donaubad vorbei. Dort springen Buben ins Wasser. Sagt der eine Bub: "Ich habe einen Köpfler gemacht." Sagt der zweite: "Ich bin eine Bombe gesprungen." Sagt der dritte zum Kanzler: "Und was machst du?" Sagt der Kanzler: "Ich mache einen Slimfit" – und springt im Anzug in die Donau.

Drozda wandte ein, niemand springe im Anzug in die Donau. Kern entgegnete, er wolle sich aber nicht ausziehen. Die Idee, Kern solle unter dem Slimfit-Anzug einen Neopren-Anzug anziehen, und dann mit diesem ins Wasser springen, wurde wegen Realitätsferne verworfen. (Wer trägt schon zufällig einen Neopren-Anzug unter dem Straßen-Anzug?) Kern wollte aber ins Wasser springen, die Video-Idee gefiel ihm. Also wurden SPÖ-Mitglieder mit Buben ausfindig gemacht und gebeten, mit den Kindern an den Drehort zu kommen, das Technikteam, alles war vorbereitet. Doch über Nacht besann sich Kern und sagte die Sache ab. Nur auf die Kinder und die Eltern vergaß man, die warteten tags darauf vergeblich auf den "Slimfit"-Sprung.

Unsaubere Methoden der ÖVP

Niedermühlbichler weicht Matznetter Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

Leider ist die Sache nicht zum Lachen. Die ÖVP war von Beginn an alarmiert als sie hörte, dass die SPÖ wieder Silberstein anheuerte. Sie befürchtete eine Sudelkampagne gegen Kurz und berichtet von kursierenden Gerüchten über eine bestochene Balletteuse, die Kurz irgendwelche Sex-Geschichten anhängen sollte. In Panik, aber auch das Chaos in der SPÖ ausnutzend bediente sich die ÖVP ihrerseits schwer unsauberer Methoden. So kam es zu diesem irren, entgleisenden Wahlkampf.