Kapellari: "Egoismus und Gier eindämmen"

Kapellari lobt engagierte Gläubige: „Christen wirken auch heute wie Frischzellen im oft müden der kranken Leib der Zivilgesellschaft“.
Foto: APA/MARKUS LEODOLTER

Bischof Egon Kapellari fordert, die Prinzipien der Soziallehre einzuhalten.

23.12.2012, 15:43

Der Diözesanbischof  von Graz-Seckau, Egon Kapellari, warnt vor der „Oberflächlichkeit“,  mit der die Gesellschaft das Weihnachtsfest begeht. Er ruft die Menschen auf, sich auf das Kind von Bethlehem zu besinnen, auf das Ursprüngliche und das Unverfälschte.  
Im KURIER-Gespräch geht der Bischof auch auf aktuelle Konflikte im Nahen Osten ein. Der innere Friede in Österreich  und  Europa  sei durch Armut und Arbeitslosigkeit bedroht. Den Anliegen der Pfarrerinitiative erteilt er eine Absage: „Mit mir gibt es keinen Weg am Papst vorbei.“

KURIER: Herr Bischof Kapellari, was ist Ihre zentrale Weihnachtsbotschaft?
Egon Kapellari: Weihnachten ist ein starkes Fest. Es ist stärker als alle Oberflächlichkeiten, die man ihm antut. Das Kind von Bethlehem ist eine Einladung an starr oder böse gewordene Erwachsene, zum Kind umzukehren, das sie selbst einmal gewesen sind.

Die Engel verkündeten zu Weihnachten ,Frieden auf Erden‘. Ein Blick in die Nähe und in die Ferne genügt, um festzustellen, dass heute von Frieden keine Rede sein kann. In Syrien herrscht Bürgerkrieg, die Lage zwischen Israelis und Palästinensern ist äußerst gespannt, die Folgen des sogenannten Arabischen Frühlings sind gewaltsam. Was sagen Sie dazu?
Von universalem Frieden konnte auch seit der Geburt Christi nie die Rede sein. Der Mensch, auch der Christenmensch, ist – wie Immanuel Kant gesagt hat –  aus krummem Holz geschnitzt. Aber immer wieder hat es menschliche Friedensengel und Friedensbewegungen gegeben, die nicht erfolglos waren. Und auch heute gibt es sie. Ich nenne zum Beispiel die mit dem Vatikan besonders verbundene Laienbewegung Sant'Egidio in Rom.

Aber auch der soziale Friede bei uns im Inneren, in Österreich, ist ebenfalls gefährdet. Wir sehen  zunehmende Armut,  viele  Menschen sind arbeitslos. Wir sind mit immer stärkerer Politikverdrossenheit und   auch mit  dem Phänomen der Korruption konfrontiert. Was kann oder die Kirche dagegen tun?
Die hier genannten Mängel und Gefahren sind offensichtlich, wenn auch im internationalen Vergleich weniger dramatisch als in manchen anderen Ländern Europas. Das ist aber kein Grund zu Bequemlichkeit oder zu Resignation. Eine Eindämmung von Egoismus und Gier auf vielen Ebenen ist zur Stabilisierung und Heilung des Ganzen unerlässlich. Das gilt bei Einzelinteressen ebenso wie auch   bei Gruppeninteressen. Die Kirche verweist dabei, oft überhört, auf die Prinzipien ihrer Soziallehre. Unzählige Christen wirken auch heute wie Frischzellen im oft müden oder kranken Leib der Zivilgesellschaft. Freilich gibt es auch unter den Christen oft Müdigkeit und Lauheit.

Das merkt man auch in Österreich. Ein Spalt geht durch das Kirchenvolk. Ist nicht auch der innere Friede in der  katholischen  Kirche  brüchig?
Ich rede diese Probleme nicht klein, sondern stelle mich ihnen. Wir müssen die Mitte und die Tiefe der Kirche suchen und stärken, wenn wir wirklich weiterkommen wollen. Diese Mitte ist kein Ort des bequemen Ausgleichs, sondern ist Christus selber. Er ist es, der nach beiden Seiten hin einladend die Arme ausbreitet.

Der Konflikt zwischen Pfarrerinitiative und Kirchenspitze ist bei Gott nicht ausgestanden. Was ist Ihre Meinung dazu?
Ich verstehe die Wünsche vieler Katholiken nach Veränderungen. Widerstand  – auch gegen Plausibles –  kann aber manchmal auch prophetisch sein. Mit mir gibt es keinen Weg am Papst vorbei.

Die Lage in Europa ist durch die schwere Schuldenkrise mehr als labil, die Kluft in der europäischen Gesellschaft wird tiefer. Ist das Friedensprojekt Europäische Union gefährdet?
Die Menschheit im Ganzen ist immer wieder bedroht durch Naturkatastrophen  und durch von Menschen gemachte Katastrophen.  Die Menschheit  konnte aber immer wieder große Kräfte zur Heilung mobilisieren. Das sogenannte Friedensprojekt Europa ist nach Zeiten der Euphorie labil geworden. Lange Hebel zur Verbesserung haben die meisten Europäer und auch die Kirchen nicht. Aber der große Friede braucht auch die kleinen Hebel, die dem Einzelnen und ihren kleinen oder größeren Gemeinschaften erreichbar sind. Wir Bischöfe begleiten das „Projekt Europa“ solidarisch, aber in kritischer Solidarität.

Ethnische und religiöse Konflikte nehmen zu. Christen werden weltweit verfolgt. Ist der Dialog der Religionen und der Zivilisationen gescheitert?
Es gibt für die Kirchen keine Alternative zum ständigen Versuch, mit anderen Religionen zu reden und zu kooperieren, auch wenn man dabei oft enttäuscht wird. Dieses Reden darf nicht blauäugig sein. Es muss dabei auch deutlich gesagt werden, dass Toleranz keine Einbahnstraße ist, die nur Christen verpflichtet. Gegen die Verfolgung von Christen und anderen Minderheiten zum Beispiel in islamisch dominierten Ländern müssten nicht nur Christen, sondern Politik, Medien und die ganze westliche Zivilgesellschaft entschlossener auftreten. Sie  müssen  dies auch im eigenen Interesse tun.

Der Papst hat die Jahre  2012 und 2013 zum Jahr des Glaubens erklärt.  Wofür steht die Kirche im kommenden Jahr?
Unmittelbarer Grund für den Papst war das Gedenken an den Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. Dahinter steht aber die Frage nach dem Glauben von uns Christen, besonders auch hier in Europa. Das Konzil ist ein dynamisches Erbe und eine Quelle zugleich. Ohne tiefer nach dieser Quelle zu graben, würden uns sowohl der Geist  als auch das Wasser ausgehen.

Kapellari:  Seelsorger und KunstkennerGeboren
12.1.1936 in Leoben.

Studium
Rechtswissenschaften in Graz (Promotion 1957), danach Theologie in Salzburg und Graz.

Kirchlicher Werdegang
1961 Priesterweihe; Hochschulseelsorger in Graz. Ab 1982 Bischof der Diözese Gurk, seit 2001 Bischof der Diözese Graz-Seckau. Kapellari ist stellvertretender Vorsitzender der Bischofskonferenz (zuständig für Medien- und Europafragen).  Er ist Mitglied des Rates Europäischer Bischofskonferenzen sowie Konsultor der Päpstlichen Kommission für den Kulturgüterschatz der Kirche.

Werke
Buchautor, Kunstkenner, -förderer. 

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