Precht: Die EU handelt unverantwortlich

Der Philosoph und Buchautor Richard David Precht
Foto: dapd/Axel Heimken

Der prominente Philosoph Richard David Precht analysiert die weltweiten Krisen und zieht sein Fazit.

17.08.2014, 08:00

KURIER: Herr Precht, 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg erinnert anscheinend viel an diese Zeit: Die Krise in der Ukraine, der Gaza-Krieg, die Bombardierung der IS-Kämpfer im Irak. Die gefährliche Entfremdung Russlands von Europa. Der Abschuss der MH 17. Ist unsere Gesellschaft in den letzten 100 Jahren genügend gereift, um diese Krisenherde in den Griff zu bekommen?

Richard David Precht: Wir sind sicher einige große Schritte weiter als vor 100 Jahren. Trotz der vielen Gedenkfeiern orte ich allerdings eine gewisse Geschichtsvergessenheit. Vor dem Hintergrund der Geschichte im 20. Jahrhundert ist die Einmischung der europäischen Länder in der Ukraine-Krise eigentlich unverständlich. Man muss schon ein wenig um den Fortschritt bangen, den Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hat.

Warum?

Die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg ist vergleichsweise erfreulich. In den letzten 69 Jahren hat man gelernt, dass man internationale Probleme eher durch Handelsbeziehungen – also durch Annäherung – als durch Kriege lösen kann. Diese Erkenntnis haben wir mit sehr hohem Blutzoll bezahlt. Deswegen ist das momentane repressive Verhalten der EU-Staaten gegenüber Russland unverantwortlich.

Sind die Dämonisierung Wladimir Putins und die Sanktionen der falsche Weg?

Schauen wir uns die Situation einmal objektiv an. Es wird ein Passagierflugzeug in der Ukraine abgeschossen, ein Unglück, bei dem wir derzeit überhaupt nicht wissen, wer tatsächlich dahintersteckt. Es gibt bis jetzt keine sicheren Beweise. Wenn es die Separatisten gewesen sein sollten, was keineswegs erwiesen ist, dann war es ein Unfall. Dafür nun Putin verantwortlich zu machen, ist unfassbar. Es gibt keine Spur, die darauf hindeutet, dass Putin mit Absicht dieses Flugzeug abschießen ließ. Trotzdem titelt Der Spiegel "Stoppt Putin jetzt". Das ist ein Rückfall in die Art der Politikbetrachtung wie zur Zeit des Kalten Krieges und davor.

Jeder Krieg geht mit einer geistigen Mobilmachung einher. Würden Sie die Berichterstattung als eine solche bezeichnen?

Ohne jeden Zweifel. Wir haben im Moment in fast allen deutschsprachigen Medien eine Art mediale Mobilmachung. Aber wir brauchen uns keine Sorgen machen. Es wird nur verbal gezündelt, aber niemand will einen Brand legen. Denn wir haben kein Interesse, in den Ukraine-Konflikt militärisch einzugreifen. Was passiert, ist zwar gefährlich, aber nicht mit 1914 vergleichbar.

Sind die Trümmer der MH 17 für Sie auch die Trümmer der Diplomatie?

Wir haben eine merkwürdige Rolle in dem Ukraine-Konflikt gespielt. Wir – damit meine ich Europa und noch viel mehr die NATO – haben uns gefreut, dass Russland ein weiteres Land aus seiner noch verbliebenen Einflusssphäre verlieren könnte. Es wurde alles unternommen, um diesen Prozess zu verstärken. Und es wurde viel über "Freiheit" und "Souveränität" geschwafelt. Aber in Wirklichkeit geht es uns natürlich nicht um Freiheit. Genauso wenig wie es den USA in Vietnam um Freiheit ging. Wir sollten nur daran denken, mit wie vielen unfreien Diktaturen, wie z. B. Saudi-Arabien, Katar oder Ägypten wir uns tadellos verstehen. Nein, das eigentliche Motiv ist, Russland zu schwächen. Und deshalb haben wir uns in einer unverantwortlichen Weise in den Konflikt frühzeitig eingemischt. Gleich in den ersten Tagen gab der NATO-Generalsekretär eine Pressekonferenz und schlug einen sehr scharfen Ton an. Dabei geht die NATO der Konflikt nun wirklich nichts an. Die Ukraine ist kein NATO-Mitglied! Allein, dass wir glauben machen wollten, dass die Ukraine ein NATO-Fall ist, war ein gefährliches und aggressives Signal in Richtung Russland.

Wie wäre dann die Ukraine-Krise zu lösen?

So wie die USA ein legitimes Recht auf Einflusssphären in der Welt hat, hat das auch Russland. Das müssen wir anerkennen und dürfen es nicht grundsätzlich als abwegig, als böse Machtpolitik oder als die Ausgeburt eines unzurechnungsfähigen Diktators verurteilen. Denn dann müssten wir uns auch fragen: Was suchen die USA im Irak? Was ist der Sinn ihres Engagements in Ägypten, Syrien und der halben Welt? Eine pragmatische Lösung bestand darin, dass der Osten der Ukraine einen höheren Status an Souveränität bekommen hätte. Hätte sich Europa dafür eingesetzt, dann wäre die Ukraine als ganzer Staat erhalten geblieben. Sie hätte mit der EU ein Assoziierungsabkommen geschlossen und gleichzeitig Russland garantiert, nicht Mitglied der NATO zu werden. Denn das ist der Punkt, den die Russen am meisten fürchten. Dann hätten wir den Konflikt entschärfen können. Aber: Wir wollten alles. Wir wollten keinen Kompromiss, sondern wir wollten gleich das ganze Land in den Westen ziehen. Das ist ein Denken aus der Zeit des Kalten Krieges!

War es von Europa naiv zu denken, mit der Ukraine ein Assoziierungsabkommen abzuschließen, ohne Russland bei den Verhandlungen einzubinden?

Man hat den Bogen mit Sicherheit überspannt. Aber Europa war mit dieser Strategie in den letzten Jahrzehnten auch sehr erfolgreich. Die Baltischen Staaten, Tschechien, Polen, Bulgarien und Rumänien wurden in die militärische Einflusssphäre der NATO gebracht. Obwohl bei der Wiedervereinigung Deutschlands garantiert wurde, die NATO-Grenze nicht weiter nach Osten zu verschieben. Das ist aber passiert, und die Russen haben immer stillgehalten. Deswegen haben wir gedacht, wir sind so mächtig, jetzt bekommen wir auch noch die Ukraine in unsere militärische Einflusszone. Die NATO hat schon davon geträumt, US-amerikanische Kriegsschiffe auf der Krim zu stationieren. Deswegen hat Putin sofort die Krim annektiert, und somit das Einzige, was für die USA an der Ukraine interessant war, weggeschnappt.

Putin sehen Sie nicht so kritisch wie viele andere Meinungsführer?

Russland und Deutschland kann man nicht vergleichen. Ich würde jemanden wie Putin in Deutschland niemals an der Macht sehen wollen. Aber wir müssen erkennen, dass Russland ein ganz anderes Land ist. Wir können unsere Maßstäbe nicht überall in der Welt genau gleich anlegen. Ich sehe auch keinen anderen Politiker in Russland, der als Alternative überzeugen würde.

Wer ist aus Ihrer Sicht der Provokateur beim Gaza-Konflikt?

Die Hamas steht politisch und militärisch so schwach wie nie zuvor in ihrer Geschichte da. Sie ist weitgehend isoliert, weil die Muslimbruderschaft in Ägypten zurückgedrängt wurde. Die Hamas hat keinen starken Verbündeten. Israel will nun die Gunst der Stunde nützen, um die Hamas so nachhaltig zu schädigen, dass sie längerfristig keine Gefahr mehr darstellt. Israel bedient sich bei diesem Krieg aber Mitteln, die wir deutlich verurteilen müssen. Deutschland hat in seiner Geschichte Russland zwei Mal überfallen und allein im Zweiten Weltkrieg etwa 30 Millionen Russen ermordet. Bei Russlands Politik schlagen wir heute sofort scharfe Töne an. Die fürchterliche Ermordung von sechs Millionen Juden verpflichtet uns dagegen, bei Israels Krieg gegen die Palästinenser sehr moderat zu bleiben. Diese Logik überzeugt mich nicht!

Diesem Konflikt ist allerdings die Tötung von drei israelischen Jugendlichen vorangegangen ...

Bis heute wissen wir nicht, wer die Jugendlichen tatsächlich getötet hat, so wie wir bis jetzt nicht wissen, wer die MH 17 abgeschossen hat. Im Moment erleben wir die Rückkehr eines mythischen Weltbilds statt eines rational aufgeklärten Weltbildes. Wir verhängen unsere Wirtschaftssanktionen gegen Russland ja nicht wegen der Krim-Annektion, sondern wir verhängen sie aufgrund von dubiosen Geheimdienst-Spekulationen im Fall der MH 17. Normalerweise sollte ein aufgeklärter Staat aufgrund solcher Mutmaßungen keine politischen Entscheidungen fällen. Dass wir das trotzdem tun, ist, soweit ich sehe, ein einmaliges politisches Fehlverhalten in der europäischen Außenpolitik. Erst handeln und dann auf die Beweise schauen? Spinnen die denn? Was machen wir eigentlich , wenn sich herausstellen sollte, dass das Flugzeug nicht durch russisches Kriegsgerät abgeschossen wurde?

Ein anderer Krisenherd ist die Ebola-Epidemie in Afrika. Leidet Afrika an der Überheblichkeit des Westens, dass kein Impfstoff entwickelt wurde?

Das gilt für weite Teile der Pharmaindustrie selbst bei uns. Es gibt ja auch hier eine Reihe seltener Krankheiten, in die kaum Forschungsgelder investiert werden. Dieses Phänomen erleben wir in Afrika als besonders bedrohlich. Die Verantwortung der Pharmakonzerne besteht leider gegenüber ihren Aktionären und nicht gegenüber den infizierten Afrikanern. Das ist eine bittere Tatsache.

Ihr Fazit ist: Sie sehen keine Kriegsgefahr?

In der Bismarck-Zeit oder unter der Habsburger-Herrschaft galten Kriege nicht grundsätzlich als moralisch verwerflich. Die Einheit des Deutschen Reiches ist durch einen Sieg gegen Frankreich entstanden. Der Krieg gehörte zur Realpolitik. In diesem Geiste hat man noch 1914 geglaubt, man könnte einen Krieg gegen andere Großmächte gewinnen. Die Erfahrung aus zwei Weltkriegen hat gezeigt, dass man Angriffskriege in Europa nicht mehr gewinnen kann. Das hat Europa pazifiziert. Der zweite Grund, der Europa friedlich gemacht hat, ist die Tatsache, dass es in Europa nichts mehr zu holen gibt. Für Öl lohnt es sich noch Kriege zu führen, aber nicht für das bisschen Kohle oder andere Rohstoffe, die es noch in Europa gibt. Der dritte Grund für den Frieden in Europa ist die Tatsache, dass wir so wenige Kinder haben. Kinder haben heute einen ungleich größeren Stellenwert in der Gesellschaft. Wenn es in Europa Krieg gäbe, würden die Mütter ihre Kinder nicht hinschicken. Kriege gibt es vor allem dort, wo es zu viele unversorgte, perspektivlose junge Menschen gibt. Zum Beispiel in der arabischen Welt. Früher waren in Europa Mütter noch stolz, wenn ihre Söhne für das Vaterland gestorben sind. Wer ist das bitte heute noch? Das sind drei wichtige Unterschiede, die Europa für die Zukunft friedlich machen, selbst in Zeiten einer Ukraine-Krise. Ich glaube, wenn es ernst würde und ein Krieg mit Russland drohte, hätte er in Deutschland oder Österreich keinerlei Rückhalt. Deswegen wird es bei rhetorischen Übungen bleiben und bei einer gewissen Sanktions-Folklore. Echte Sorgen müssen wir uns also nicht machen.

ZUR PERSON

Der prominente Philosoph (49) absolvierte in nur acht Semestern das Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte. Precht ist ein Kritiker des deutschen Schulsystems und schrieb das Buch "Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern".

Einen neuen Kommentar hinzufügen

( Abmelden )
Antworten folgen
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?
    © 2016 kurier.at Hosted & Connected by