"Naive Blauäugigkeit reicht nicht"

33 Jahre ist Egon Kapellari als Diözesanbischof im Amt: Nach 20 Jahren in Gurk kehrte er 2001 heim nach Graz-Seckau. Der 79-Jährige hat 2011 um Rücktritt angesucht, doch seine Nachfolge ist noch nicht geregelt 
Foto: KURIER/Elmar Gubisch

Bischof Egon Kapellari im Interview über Nachfolge, Asyldebatte und Angst vor dem Islamismus.

20.12.2014, 17:48

Im Dezember 1981 wurde Egon Kapellari zum Bischof ernannt. 20 Jahre lang war er Bischof der Diözese Gurk, ehe er 2001 heim nach Graz-Seckau berufen wurde. Hier war er von 1964 bis 1981 Hochschulseelsorger und leitete auch das Afro-Asiatische Institut. Mit 33 Jahren im Amt ist der 79-Jährige der dienstälteste Bischof Österreichs.

KURIER: Wenn Sie an einem Adventsamstag die Menschenmassen beim Einkaufen sehen, was denken Sie?

Diözesanbischof Egon Kapellari: Ich freue mich über die Abstrahlungen von dem, was für mich der Kern von Weihnachten ist. Ich jammere nicht oder schelte nicht, dass dieser Kern bei vielen wenig bekannt ist. Konsumschelte werden Sie von mir nicht hören, ich achte die Freiheit in einer pluralistischen Gesellschaft. Aber ich tue alles mir Mögliche, um das Wesentliche von Weihnachten zu stärken.

Hören Sie Signale aus Rom, was Ihre Nachfolge als Bischof betrifft?

Das ist "work in progress" und daher noch nicht entschieden. Mit der Ernennung unseres Weihbischofs Franz Lackner zum Erzbischof von Salzburg ist aber jedenfalls eine sehr plausible Perspektive betreffend meine Nachfolge abhanden gekommen.

Wie beurteilen Sie das Auftreten von Papst Franziskus?

Ich halte diesen Papst für einen großen Segen für die Kirche und für die ganze Menschheit. Dieser Papst gibt der Kirche einen Schub von fröhlicher gelebter Bergpredigt. Er gleicht dem Typ eines biblischen Propheten, während der frühere Papst Benedikt XVI. eher dem Typus eines biblischen Weisheitslehrers entsprochen hat. Für mich sind die beiden Päpste komplementär: Der Prophet ist deutlich und laut, der Weisheitslehrer ist eher leise. Aber beide wirken auch heute zugleich.

In der laufenden Asyldebatte spricht man meist über Quoten, nicht über die Menschen dahinter. Die Gemeinden sperren sich auch oft gegen Asylwerber, Anrainer ebenfalls. Warum haben Menschen Angst vor Flüchtlingen?

Nicht alle Leute, die sich da wehren, sind simple Egoisten. Die meisten von ihnen spenden wahrscheinlich manchmal oder oft etwas für gute Zwecke. Sie haben aber Angst angesichts einer für sie unüberschaubaren Situation. Kirchlicherseits tun wir nicht wenig, um die Situation zu entkrampfen und zu helfen. In der Steiermark haben wir bisher 477 Plätze für Asylwerbende zur Verfügung gestellt und werden diese Zahl bis März auf 600 erhöhen können. Wir tun dies in Allianzen zwischen Kirche, zumal als Caritas, und politisch Verantwortlichen. Das Gesamtproblem für uns alle wird sich freilich noch verschärfen.

Aktuell heiß debattiert wird das neue Islamgesetz. Ist notwendig, was die Regierung plant?

Eine Aktualisierung des bisherigen Islamgesetzes ist sicher geboten. Die ursprüngliche Regelung stammt aus dem Jahr 1912. Damals war der Islam in Österreich nicht vielgestaltig wie heute. Indessen ist die Zahl der Muslime sehr angewachsen, und das Miteinander im Islam selber und in der gesamten Zivilgesellschaft ist ein Dauerauftrag an alle, der auch zu Spannungen führt. Die katholische Kirche und die Kirchen überhaupt haben viel zu einem guten Miteinander beigetragen und werden dies auch weiterhin tun. Ein Schönreden oder Wegreden von Problemen hilft aber niemandem.

Wie soll man aber Islamismus und Extremismus begegnen? Ein Gesetz allein wird da nicht reichen.

Zum Teil ist das auch ein innerislamisches Problem. Weltweit fürchten sich viele Muslime und schon gar Christen vor dem Islamismus. Einem Generalverdacht gegen den Islam und entsprechenden Aggressionen muss eine Zivilgesellschaft wie die österreichische auch im eigenen Interesse entgegenwirken. Eine gut gemeinte naive Blauäugigkeit reicht dazu nicht aus. Sie wäre sogar schädlich. Ein hochrangiger Vertreter des Islam hat mir gesagt: Wir brauchen mehr Bildung. Da ist auch das Problem der Aufklärung angesprochen. Die Christenheit in Europa ist in Jahrhunderten durch das Feuer der Aufklärung gegangen. Das war oft zerstörend, aber auch läuternd.

Was hat die Bischofskonferenz zu so massiver Kritik am Entwurf für ein neues Fortpflanzungs-Medizingesetz herausgefordert?

Ein paar Sätze reichen für eine kurze Antwort auf eine so komplexe Frage nicht aus. Jedenfalls sieht der Entwurf nicht nur die notwendige Schließung einer Gesetzeslücke vor. Man versucht gleich auch, eine Reihe älterer Wünsche, die im Trend liegen, mit zu erfüllen. Eine differenzierende Diskussion ist im Gang und man kann sich dafür auch die nötige Zeit lassen.


Zur Person

Werdegang

Egon Kapellari hat Jus und Theologie studiert, im Alter von 25 Jahren wurde er zum Priester geweiht. Der Steirer hat zahlreiche Bücher und Schriften verfasst; er ist auch stellvertretender Vorsitzender der Bischofskonferenz und leitet die Referate Medien, Europafragen sowie Kultur.

Rücktritt

2011 reichte Kapellari sein Rücktrittsgesuch ein, das allerdings nach kirchlichen Regeln „jetzt für später“ angenommen wurde. Die Amtszeit als Bischof wurde damit verlängert.

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